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Horst Fiedler

Alexander von Humboldt und Georg Forster

Mit einer Vorbemerkung von Ingo Schwarz

Zuerst erschienen in:

Alexander-von-Humboldt-Ehrung in der DDR. Festakt und Wissenschaftliche Konferenz aus Anlaß des 125. Todestages Alexander von Humboldts. Bearbeitet von Heinz Heikenroth und Inga Deters. Berlin 1986, S. 119–125.

Bearbeitet von Ingo Schwarz

Resumen

Entre las impresiones determinantes que recibió el joven Humboldt está en primer lugar su relación con Georg Forster, circunnavigador del mundo, escritor y mas tarde revolucionario. Aquí se toca la historia de las relaciones entre ambos subrayando previamente lo que Forster significó para Humboldt. Los escritos y la personalidad de Forster lo impactaron emocionalmente; él consideró a Forster como un ejemplo en la observación y comparación de fenómenos geográficos, naturales y sociales, pero también por su tendencia a descubrir leyes; Forster estimuló a Humboldt incursionar en el campo de ciencias diversas; también en el arte de descripción literaria de la naturaleza, del paisaje y sus moradores se sentía la influencia de Forster; finalmente, Forster fue uno de los representantes más importantes del pensamiento político-ideológico progresista con el cual entró en contacto el joven Humboldt y el cual, por su toma de partido en favor de la Revolución Francesa, así como contra la esclavitud y la discriminación racial, ejerció un poderoso influjo sobre él. Aunque era inoportuno declararse en favor del jacobino Forster, Humboldt adhirió públicamente a su amigo y maestro subrayando su “igual dirección en opiniones políticas” respecto a Forster.

(Die spanische Zusammenfassung war Teil der Originalveröffentlichung.)

Abstract

It was the relationship with the circumnavigator, writer, and (later) revolutionary Georg Forster that had the greatest impact on the young Alexander von Humboldt. This paper is dealing with the history of their relationship and pays special attention to Forster’s influence on Humboldt. Forster’s writings and his personality influenced Humboldt greatly. He took Forster’s approach as a model for his own observations and comparisons of geographical, natural, and social phenomena, but also applied them in his efforts to discover natural laws. Forster encouraged Humboldt to study various fields of natural sciences and his influence is evident in Humboldt’s way of describing nature, landscapes and their inhabitants. As a passionate supporter of the French Revolution, Forster was one of the most important representatives of progressive political thinking with whom the young Humboldt came into contact. Forster’s stand against slavery and racial discrimination had a strong influence on Humboldt as well. Though unlike Forster, Humboldt did never identify himself as a Jacobin, he referred to him publicly as his friend and teacher by pointing out “common directions in their political opinions”.

(Summary by I. Schwarz, revised by Andrea Wulf.)

 

Horst Fiedler: Anlässlich seines 30. Todestages

Ingo Schwarz

Horst Fiedler, der Leiter der Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle an der Akademie der Wissenschaften der DDR, starb völlig überraschend am 14. Januar 1990 im Alter von 61 Jahren.

Seit 1954 hatte er am „Institut für deutsche Sprache und Literatur“ der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin an der Ausgabe „Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe Georg Forsters“ mitgearbeitet. Dreißig Jahre später wurde er als Nachfolger Kurt-R. Biermanns Leiter der Berliner Forschungsstelle, die sich der Herausgabe von Briefen und Tagebüchern Alexander von Humboldts widmete. Fiedler war als Kenner der Schriften Georg Forsters und Alexander von Humboldts eine Idealbesetzung für dieses Amt.

Seine Jahre in der Humboldt-Forschung waren in erster Linie einem Projekt gewidmet, das erst durch Ulrike Leitner vollendet werden konnte: Der Bibliographie der selbständig – in Buchform – erschienenen Werke Humboldts. Zum Leben und Werk des Gelehrten äußerte er sich in einer Reihe von kürzeren Arbeiten und Rezensionen, in die immer wieder auch sein Expertenwissen über Georg Forster einfloss. Der hier wiederveröffentlichte Aufsatz über die Jugendfreunde war als Beitrag für eine Konferenz konzipiert, die 1984 an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften aus Anlass von Humboldts 125. Todestag stattfand. Fiedlers Vortrag war für die wissenschaftliche Konferenz – wohl auf besondere Empfehlung von Kurt-R. Biermann – am 4. Mai vorgesehen, konnte aber nicht mehr gehalten werden, da das geplante Tagespensum mit 15 Vorträgen den vorgegebenen zeitlichen Rahmen sprengte. Auf dieser Konferenz kamen neben den unumgänglichen politischen Stellungnahmen vor allem Beiträge von so renommierten Humboldt-Experten wie Ilse Jahn, Kurt-R. Biermann, Karl-Heinz Bernhardt und Günter Hoppe zum Tragen, die in einem Sammelband publiziert wurden. Fiedlers Vortrag erschien dann auch in dieser Veröffentlichung. Die hier leise geäußerte Kritik an der Darstellung des Einflusses, den der ältere Weltreisende auf den jüngeren Freund und Reisegefährten ausübte, mag auf viele der neueren Humboldt-Biografien kaum noch zutreffen. Fiedlers kurze, wohlbegründete Darstellung stellt jedoch eine auch heute noch wertvolle Einschätzung des Verhältnisses der beiden Forschungsreisenden dar.

Der Text wurde an die neue Rechtschreibung angeglichen. Neuere Literaturangaben werden in [eckigen Klammern] den Fiedler’schen Fußnoten hinzugefügt bzw. als Endnoten ergänzt.

Berlin, Mai 2020

Ingo Schwarz

Ein Aufsatz von Horst Fiedler über Alexander von Humboldt und Ludwig Leichhardt erschien in HiN VIII, 15 (2007), S. 70–79. DOI: https://doi.org/10.18443/103 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

Alexander von Humboldt und Georg Forster

Horst Fiedler

Unter den prägenden Eindrücken, die Alexander von Humboldt in seiner Jugend empfing, steht Georg Forster in der ersten Reihe. Mit Forster war Humboldt „der hellste Stern seiner Jugend aufgegangen“, schrieb der Humboldt-Biograph Julius Löwenberg1. Mehr oder minder ausführlich und mehr oder minder zutreffend schildern alle biographischen Darstellungen Humboldts Freundschaft mit Forster und den fortdauernden Einfluss, der von Persönlichkeit und Schriften des 15 Jahre älteren „deutschen Weltumseglers“ auf Humboldt ausging. Am schönsten und tiefsten ist dieser Einfluss in Humboldts eigenen Schriften zum Ausdruck gebracht, im „Kosmos“ etwa, dessen zweiter Teil ein bleibendes Denkmal2 für den Schriftsteller und Reisenden Forster enthält, aber auch in den „Ansichten der Natur“3 oder in der Beschreibung der Amerikareise4. Nicht nur an diesen, gewissermaßen öffentlichen Orten, sondern auch an entlegenen Stellen seiner Schriften sowie in zahlreichen Briefen versäumte Humboldt keine Gelegenheit, der Freundschaftsbeziehung mit Forster zu gedenken, auf den einen oder anderen Aspekt in dessen Schriften hinzuweisen, so dass man wörtlich nehmen darf, was er im letzten Lebensjahr gegenüber dem Forster-Biographen Heinrich König in dem folgenden Satz zusammenfasste: „Ich habe ein halbes Jahrhundert zugebracht, wohin mich auch immer ein unruhiges, vielbewegtes Leben geführt hat, mir selbst und andern zu sagen, was ich meinem Lehrer und Freunde Georg Forster in Verallgemeinerung der Naturansicht, Bestärkung und Entwickelung von dem, was lange vor jener glücklichen Vertraulichkeit in mir aufdämmerte, verdanke“5.

Was Forster für Humboldt bedeutet hat, lässt sich thesenartig etwa so zusammenfassen: Am Anfang stand, wie Humboldt mehrfach betont, eine von Forsters Schriften und Persönlichkeit ausgehende emotionale Wirkung, durch die Humboldts Hang zum Reisen, seine Sehnsucht in die Tropenwelt, wesentlich bestärkt wurde.

Als Forscher sah Humboldt den wissenschaftlichen Geist des allseitigen Beobachtens und Vergleichens von geographischen, naturkundlichen und sozialen Phänomenen in Forster vorbildhaft verkörpert. „Durch ihn begann“, heißt es im „Kosmos“, „eine neue Aera wissenschaftlicher Reisen, deren Zweck vergleichende Völker- und Länderkunde ist“6.

Damit verbunden war drittens Forsters Tendenz, in den wahrgenommenen Erscheinungen gesetzmäßige Zusammenhänge aufzudecken. Es ist nach Humboldts Ausdruck die „philosophische Behandlung Naturhistorischer Gegenstände“, worin Forster „eigentlich groß und selten war“7.

Viertens sei erwähnt, dass Humboldt durch Forster auch eine Reihe von einzelwissenschaftlichen Anregungen empfing, etwa zu Fragen der Geographie oder der Pflanzengeographie.

Hinzuweisen ist fünftens auf die Kunst der literarischen Darstellung der Natur, der Landschaft und ihrer Bewohner, die Forster auf eine hohe Stufe gebracht hatte. Auch in ästhetischer Hinsicht war Forster für Humboldt ein Vorbild, nicht jedoch ein Muster im Sinne der Nachahmung, wie die höchst unterschiedliche Schreibweise beider Autoren zeigt.

Sechstens, aber nicht zuletzt: Forster war der bedeutendste Vertreter progressiven politisch-weltanschaulichen Denkens, mit dem der junge Humboldt in nähere Berührung kam. Wesentlich ist in dieser Hinsicht nicht allein Forsters Eintreten für die Französische Revolution, sondern beispielsweise auch seine Haltung in der Sklaverei- und Menschenrassendebatte der Zeit.

All diese Gesichtspunkte eingehend zu würdigen, kann hier nicht versucht werden. Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf eine kurze biographische Geschichte jener Beziehung und weisen an entsprechender Stelle auf den einen oder anderen der eben genannten Wirkungsaspekte hin. Enges Zusammenleben mit Humboldt brachte für einige Zeit Forsters ganze, vielschichtige geistige Individualität ins Spiel, andererseits wirkten manche Forster’schen Anregungen nur als Bestärkung der in Humboldt selbst schon vorgebildeten Neigungen und Auffassungen. Eine Wirkungsbeziehung von so komplexer Natur lässt sich ohnehin wohl eher biographisch beschreiben als systematisch analysieren.

Die persönliche Bekanntschaft wurde im Oktober 1789 zu Mainz geschlossen, an welchem Ort Georg Forster als kurfürstlicher Bibliothekar tätig war. Der damals 35jährige Forster konnte auf ein vielbewegtes Leben zurückblicken. Er war im Alter von elf Jahren als botanisierender Gehilfe seines Vaters quer durch Russland gereist und hatte als Heranwachsender in England, der Heimat seiner Vorfahren, durch harte literarische Fronarbeit die zahlreiche Forster’sche Familie miternähren müssen. Wiederum als Begleiter seines Vaters, des namhaften Naturforschers Johann Reinhold Forster, hatte er in den Jahren 1772 bis 1775 unter der Leitung des unvergleichlichen Kapitäns James Cook an dessen zweiter Kreuzfahrt im Pazifik teilgenommen, der größten maritimen Entdeckungsreise des Jahrhunderts. Georg Forsters klassisch gewordene Beschreibung dieser Reise, literarisches Meisterwerk und zugleich reifstes Produkt der Ethnographie der Aufklärungsepoche, hatte den Namen ihres jungen Autors weithin in Europa berühmt gemacht.

Der „deutsche Weltumsegler“ – diese üblich gewordene Bezeichnung wird allerdings der Leistung seines Vaters Johann Reinhold Forster nicht gerecht – hatte nach so frühem Ruhm in London, später in Kassel und Wilna (Vilnius) bittere Enttäuschungen hinnehmen müssen. 1787 war Forster von der St. Petersburger Regierung zur Leitung einer ersten russischen Pazifikexpedition berufen worden, doch die mit fünf Schiffen vorgesehene Reise war durch einen Kriegsausbruch verhindert worden. Nach einjähriger Wartezeit in Göttingen konnte Forster froh sein, in Mainz eine Anstellung zu finden, die ihm Zeit ließ, seinen zunehmenden schriftstellerischen Neigungen nachzugehen.

Denn in den letzten Jahren hatte der einstige Weltreisende begonnen, durch menschheitsphilosophische Essays, in denen Reiseerfahrungen verallgemeinert wurden, und durch Arbeiten über Literatur und Künste eine geachtete Stellung in der aufblühenden deutschen Nationalliteratur einzunehmen. Politisch vertrat er die damals fortschrittlichste, die liberale Position, er verfolgte die Französische Revolution von Anfang an mit gespanntester Aufmerksamkeit und war deren entschiedener Anhänger, in dessen Ansichten sich die später radikale Position als deutscher Jakobiner schon gelegentlich bemerkbar machte. In dieser Situation traf Humboldt im Oktober 1789 Forster an. Sein gastfreies Haus in Mainz stand durchreisenden Besuchern offen; Wilhelm von Humboldt hatte sich schon kurz zuvor bei Forster und dessen geistreicher Frau Therese aufgehalten und wird zweifellos den Bruder dorthin empfohlen haben. Der Student Alexander kam aus Göttingen, was ohnehin für Forster Empfehlung war. Die Anziehung war gegenseitig. Mit Forster, der auch im Gespräch seine Partner zu bezaubern wusste, begegnete dem jungen Humboldt zum ersten Mal ein führender Repräsentant der literarischen Kultur des Zeitalters. Humboldts dankbarer Brief vom 11. November8, nach achttägigem Aufenthalt bei Forster, bezeugt Respekt und Zuneigung. Forster, von dem eine briefliche Reaktion auf die erste Begegnung nicht überliefert ist, machte den ungewöhnlichen Vorschlag9, Humboldts Jugendarbeit über den rheinischen Basalt10 in seine, d.h. Forsters Sammlung von „Kleinen Schriften“11 mit aufzunehmen; sie wurde statt dessen vom Autor, als dessen erste selbständig erschienene Publikation, Forster „mit innigster Freundschaft und Verehrung“ gewidmet. Forster revanchierte sich später, indem er in seinen „Ansichten vom Niederrhein“ die „Beobachtungen unseres scharfsinnigen Freundes A. v. H.“12 ausdrücklich hervorhob; im Übrigen schloss er sich in der eigenen Darstellung den geologischen Auffassungen Humboldts an.

Forster lud Humboldt Anfang 1790 ein, ihn auf einer Fahrt nach Belgien, Holland, England und Frankreich zu begleiten. Für Humboldt wurde diese erste Auslandsreise zum bedeutungsvollsten Bildungserlebnis seiner Studienjahre, bedeutungsvoll sowohl durch das vier Monate dauernde, ununterbrochene Zusammensein mit einem Reisegefährten wie Forster, als auch durch den Reiseweg, den Forster gewählt hatte.

Forster und Humboldt fuhren von Mainz aus zu Schiff den Rhein abwärts bis Düsseldorf, von wo aus sie über Aachen und Lüttich die damals österreichischen Niederlande mit ihrem Hauptort Brüssel erreichten. Unterwegs beobachteten sie die Eigenheiten der wechselnden Landschaft und ihrer Bewohner, studierten sie merkwürdige geologische Verhältnisse oder Zeugnisse der bildenden Kunst, wie etwa den Kölner Dom oder die berühmte Düsseldorfer Gemäldegalerie. Die belgischen Provinzen standen am Vorabend großer politischer Veränderungen, die von der Französischen Revolution ausgingen. „Wir konnten diese Reise zu keiner glüklicheren Zeit machen als gerade jezt“, berichtete Humboldt seinem Jugendfreund Wilhelm Gabriel Wegener. „Wir sind alle einzelnen [belgischen] Provinzen durchzogen, haben den Hauptauftritten dort, […] dem Bruche zwischen Brabant und Flandern, ja selbst dem Aufruhr in Lille beigewohnt. Forsters Name, der allgemeines Interesse erwekt, Empfehlungen usw. verschaften uns überall Zugang zu den handelnden Personen“13. Nach den belgischen Provinzen, wo reaktionäre Priesterherrschaft liberale Reformen verhinderte, erschien das republikanische Holland, obgleich es politisch und ökonomisch stagnierte, noch immer als Hort bürgerlichen Wohlstands und politischer Freiheit. Überall wurden von den Reisenden Fabriken und Häfen, wissenschaftliche Einrichtungen oder Theater, Museen und Bauwerke besichtigt.

Mit der Überfahrt nach London betraten Forster und Humboldt das Land des am weitesten entwickelten ökonomischen Fortschritts, der emanzipiertesten bürgerlichen Gesellschaft ihrer Zeit. In London, dem größten merkantilen Umschlagplatz Europas, auf dem Informationen und Reiseberichte aus Übersee zusammenflossen, blieb man etwa einen Monat, um Stätten von Kultur und Wissenschaft zu besuchen, um persönliche Beziehungen zu entwickeln oder anzuknüpfen – Humboldt nennt später beispielsweise förderliche Kontakte zu dem Akademiepräsidenten Sir Joseph Banks oder zu Henry Cavendish, der ihn in die moderne Chemie zuerst einführte. Forster und Humboldt studierten den britischen Parlamentarismus und nahmen z.B. als Zuhörer am Oberhausprozess gegen den ostindischen Generalgouverneur Warren Hastings teil. Eine Exkursion durch landschaftlich reizvolle und geologisch aufschlussreiche Gegenden Mittelenglands rundete den Eindruck ab.

Die Heimfahrt ging über Frankreich, denn Forster wollte die Revolution in ihrem eigenen Land beobachten. Humboldt, der Paris zum ersten Mal betrat, erlebte hier seine einzige unmittelbare Anschauung von der Aufstiegsphase der Französischen Revolution. Von der Stimmung der Volksmassen mitgerissen, legten Forster und Humboldt persönlich Hand an zur Errichtung eines Freiheitstempels. Humboldt empfand den kurzen Frankreichaufenthalt als den Höhepunkt der Reise.

Spätere Erinnerungen zeigen, wie nachhaltig gerade Humboldts emotionale Reiseeindrücke waren; aber auch die wissenschaftlich-kulturellen Erfahrungen, die sich vielfältig in den Briefen und Schriften widerspiegeln, waren für seine Entwicklung von kaum berechenbarer Bedeutung. Andererseits hielten Forsters Tagebücher und Briefe interessante Reaktionen und charakteristische Wesenszüge Humboldts fest. Auf all das kann hier nur summarisch hingewiesen werden. Leider sind von Humboldts eigenen Tagebüchern aus dem Frühjahr 1790 bisher nur wenige Bruchstücke bekannt geworden14.

In Mainz blieb Humboldt noch wenige Wochen zu Gast bei Forster. Der geistige Austausch setzte sich im Zusammenhang mit beiderseitigen Arbeiten und Plänen fort: In den „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“ (1807) erwähnt Humboldt, er habe den Entwurf zu dieser Arbeit dereinst mit Forster besprochen.a Das altindische Schauspiel „Sakontala“b, dessen Übersetzung Forster damals begann, dürfte Humboldts Blick zum ersten Mal auf indische Kultur gelenkt haben. Forsters Hauptprojekt war inzwischen die Ausarbeitung der Tagebücher und Briefe für sein reifstes schriftstellerisches Werk, die „Ansichten vom Niederrhein“. Humboldt erkannte sofort den literarischen Rang der entstehenden Darstellung, wenngleich er seine andere Art zu sehen und zu urteilen betonte und abgrenzte. Anderthalb Jahrzehnte später erwies er Forsters Hauptwerk eine posthume Referenz, indem er sein eigenes, literarisch anspruchsvollstes Buch mit demselben ungewöhnlichen Titelwort „Ansichten“, nämlich „Ansichten der Natur“, überschrieb.

Besondere Beachtung verdient ein Gesprächsthema, das durch Zitate zwar nicht belegt, das aber in jenem Juli 1790 im Forster’schen Hause unvermeidbar war, nämlich die Diskussion des Sklaverei- und Rassenproblems. Forster hatte sich vom Skeptiker zum entschiedenen Gegner der kolonialen Sklaverei entwickelt, wozu der Aufenthalt in England, wo die aktuelle Sklavereidebatte in vollem Gange war, beigetragen hatte. Seit längerem schon führte er eine versteckte Polemik gegen die biologistische Geschichts- und Rassentheorie des Göttinger Anthropologen Christoph Meiners. Meiners leitete die Menschheitsgeschichte aus dem Konflikt zwischen angeblich wertvollen und minderwertigen Rassen ab, von denen die ersteren, natürlich die Europäer, von der Natur dazu bestimmt seien, über „minder begabte“ (und daher minder entwickelte) Rassen und Völker zu herrschen und sie als Sklaven in „Obhut“ zu nehmen. Meiners hatte während Forsters Abwesenheit auch in den „Göttingischen Anzeigen“ entsprechende Auffassungen vertreten, und da Forster, wie jedermann wusste, ein führender Mitarbeiter dieser Zeitschrift war, alle Beiträge aber anonym erschienen, konnte man Meiners’ Äußerungen Forster zuschreiben. Forster war empört und schickte einen Protestbrief nach Göttingen. Es ist undenkbar, dass Forster seinem Gast und Hausgenossen Humboldt diese Vorgänge verschwiegen haben sollte. Für Forster gaben sie den Anstoß zur großen publizistischen Auseinandersetzung mit Meiners, mit der er entschieden für die humanistische Idee der Einheit und Gleichberechtigung aller „Rassen“ und Völker eintrat15. Bekanntlich hat Humboldt zeitlebens sowohl gegenüber der Sklaverei als auch dem Rassenproblem eine klare humanistische Position vertreten. Diese Position hatte natürlich mancherlei Wurzeln und Antriebe, vor allem auch die eigene Reiseerfahrung, einen frühen Impuls aber dürfte sie durch Georg Forster empfangen haben.

Gegen Ende seines Lebens sollte Humboldt mit einer ideologischen Nachwirkung der Meiners’schen Rassentheorie in Berührung kommen: Gemeint sind die Rassenlehre des Grafen Arthur de Gobineau und Humboldts ebenso höfliche wie entschiedene Ablehnung, als dieser Autor ihm eine seiner Hauptschriften schickte16. Gobineau nennt unter seinen geistigen Vätern den Anthropologen Meiners, dessen Ideen somit im 19. Jahrhundert eine unheilvolle Auferstehung fanden17. In gewisser Weise wiederholte sich also mit dem Gegensatz Humboldt – Gobineau jene zwei Generation frühere Konstellation Forster – Meiners, nur dass Humboldt nicht zu polemisieren brauchte, sondern schlicht und einfach auf seine vor allem aus dem „Kosmos“ allgemein bekannte Auffassung von der Einheit der Menschheit und der Gleichberechtigung aller Völker und „Rassen“ hinweisen konnte.

Nachdem Humboldt Mainz verlassen hatte, stand er noch etwa ein Jahr lang mit Forster in Briefwechsel, der leider nicht überliefert ist. Zu einem Wiedersehen kam es nicht. Dass so viel persönliche Nähe und Einwirkung in dem jüngeren Reisegefährten auch eine innerliche Abgrenzung und kritische Distanz erwecken musste, sollte uns nicht verwundern. Kritik an gewissen Charakterzügen Forsters, Vorbehalte gegenüber dessen Leistung als Naturforscher, kommen am deutlichsten zum Ausdruck in jenen Aufzeichnungen18 aus dem Jahre 1801, in denen Humboldt seine frühen Jahre in einem Akt autobiographischer Selbstbefreiung zu deuten unternahm.

Im Spätherbst 1792, als der preußische Oberbergmeister Alexander von Humboldt gerade österreichische Bergwerke besichtigte, veränderte sich die Situation in Forsters Wohnort grundlegend. Nach einem Vorstoß französischer Revolutionstruppen zum Mittelrhein und der Einnahme von Mainz kam es in Stadt und weiterer Umgebung zu einer revolutionär-demokratischen Umgestaltung, zu deren führenden Kräften Georg Forster gehörte. Aus dem „deutschen Weltumsegler“ war der deutsche Jakobiner Forster geworden. Im März 1793 konstituierte sich die Mainzer Republik, die erste deutsche Staatsgründung auf der Grundlage der Volkssouveränität, und Forster eilte nach Paris, um deren Schutz durch Angliederung an Frankreich zu beantragen. Unmittelbare Reflexe Humboldts auf diese Ereignisse sind nicht überliefert. Nach der Belagerung und Rückeroberung von Mainz durch Österreich und Preußen, womit die Mainzer Republik ein frühes Ende fand, war Forster unter öffentlicher Strafandrohung die Rückkehr nach Deutschland verwehrt. In Frankreich setzte er sich weiter für die Ziele der Revolution ein und fand im Januar 1794 durch Krankheit, 39 Jahre alt, einen frühen Tod.

Manche von Forsters einstigen Freunden missbilligten sein politisches Handeln, die meisten aber hatten Furcht, mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden und schwiegen. Zu diesen gehörte Alexander von Humboldt nicht. In den nachfolgenden, für Forsters Andenken kritischen Jahren und Jahrzehnten wies Humboldt wie kein anderer immer wieder und unbekümmert gegenüber den öffentlichen Anfeindungen, die dem Jakobiner Forster galten, auf dessen wissenschaftliche und literarische Leistungen hin, bekannte er sich brieflich und öffentlich zu seiner Freundschaft mit ihm. Revolutionäres Handeln im Sinne der Mainzer Jakobiner hätte ihm sicherlich fern gelegen, auch zwangen politische Verhältnisse und die eigene öffentliche Stellung zur Vorsicht im Hinblick auf politische Bekenntnisse. Dass er aber politisch im Grundsätzlichen mit Forster übereinstimmte, wird durch briefliche Äußerungen bestätigt. In dem bereits zitierten Brief an Heinrich König betonte Humboldt seine „gleiche Richtung politischer Meinungen“ mit Forster und in einem Schreiben an Ludwig Uhland vom Jahre 1853 findet sich der Satz: „Auch meine Gesinnungen, meine unveränderte Anhänglichkeit an freie Institutionen stehen offenbar in meinen Schriften, die bis 1790 hinaufreichen, als ich mit Georg Forster in Paris war“19.

Wir wissen, dass Humboldt ein Leben lang an den Ideen von 1789 festhielt. Es war das auch zugleich ein Festhalten an seinem Freund und Lehrer Georg Forster.

Anmerkungen

a Vgl. dazu: Alexander von Humboldt: Schriften zur Geographie der Pflanzen. Hrsg. und kommentiert von Hanno Beck. Darmstadt 1989, S. 44 (Studienausgabe in sieben Bänden, Band I).

b Sakontala, oder der entscheidende Ring, ein indisches Schauspiel von Kalidas. Aus den Ursprachen Sanskrit und Prakrit ins Englische übertragen und aus diesem ins Deutsche übersetzt mit Erläuterungen von Georg Forster. Mainz und Leipzig 1791. https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10251006_00007.html (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

1 Löwenberg, Julius: Alexander von Humboldt. Seine Jugend und ersten Mannesjahre. In: Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie. Hrsg. von Karl Bruhns. Bd. 1. Leipzig 1872, S. 94. – Die persönlichen Beziehungen zwischen Humboldt und Forster sind am ausführlichsten dargelegt in: Leitzmann, Albert: Georg und Therese Forster und die Brüder Humboldt. Bonn 1936.

2 Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Bd. 2. Stuttgart, Tübingen 1847, S. 72. Vgl. S. 65. http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/humboldt_kosmos02_1847?p=77 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

3 Humboldt, Alexander von: Ansichten der Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen. 3. verbesserte und vermehrte Ausgaben. Bd. 2. Stuttgart, Tübingen 1849, S. 365. https://doi.org/10.3931/e-rara-65670 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

4 Im ersten Kapitel der „Voyage aux régions équinoxiales du Nouveau Continent …“ T. 1. Paris 1814. [Siehe z.B. Alexander von Humboldt: Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents. Hrsg. von Ottmar Ette. Bd. 1. Frankfurt am Main, Leipzig 1991, S. 45.]

5 Zit. nach Löwenberg, a.a.O., S. 104.

6 Kosmos, a.a.O., S. 72.

7 Biermann, Kurt-R.; Lange, Fritz G.: Alexander von Humboldts Weg zum Naturforscher und Forschungsreisenden. In: Alexander von Humboldt. Wirkendes Vorbild für Fortschritt und Befreiung der Menschheit. Festschrift aus Anlaß seines 200. Geburtstages. Berlin 1969, S. 96. [Siehe auch: Alexander von Humboldt. Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. Zusammengestellt und erläutert von Kurt-R. Biermann. Leipzig, Jena, Berlin 1989, S. 38.]

8 Die Jugendbriefe Alexander von Humboldts 1787–1799. Hrsg. und erläutert von Ilse Jahn und Fritz G. Lange. Berlin 1973. S. 72–73.

9 Ebd., S. 80–81 und 83.

10 H[umbold]t, [Alexander von]: Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein. Mit vorausgeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der ältern und neuern Schriftsteller. Braunschweig 1790. https://doi.org/10.3931/e-rara-11336 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

11 Forster, Georg: Kleine Schriften. Ein Beytrag zur Völker- und Länderkunde, Naturgeschichte und Philosophie des Lebens. Th. 1. Leipzig 1789. Th. 2–6. Berlin 1794–1797.

12 Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bd. 9. Ansichten von Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790. Bearbeitet von Gerhard Steiner. Berlin 1958, S. 18.

13 Die Jugendbriefe, a.a.O., S. 93.

14 Abdruck bei Löwenberg, a.a.O., S. 290. Ein Tagebuchheft wurde nach Abschluss dieses Beitrags vom Verf. aufgefunden. [Veröffentlichung: Kölbel, Bernd, (mit Martin Sauerwein, Katrin Sauerwein, Steffen Kölbel, Cathleen Buckow): Das Fragment des englischen Tagebuches von Alexander von Humboldt. In: HiN. Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien. IX, 16 (2008), S. 10–23. http://dx.doi.org/10.18443/105 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020). Eine neuere Edition: https://edition-humboldt.de/H0017682 (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

15 Georg Forsters Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bd. 11. Rezensionen. Bearbeitet von Horst Fiedler. Berlin 1977. S. 236–252.

16 Théodoridès, Jean: Humboldt et Gobineau. In: Revue de littérature comparée. 36. 1962, S. 443–447. [Siehe auch: Honigmann, Peter: An der Grenze zwischen anthropologischem Interesse und Rassismus. Alexander von Humboldts Auseinandersetzung mit Joseph Arthur Comte de Gobineau. In: Soemmerring-Forschungen. 6. 1990, S. 427–435. In Humboldts Bibliothek befand sich: Gobineau (A. de): Essai sur l’Inégalité des Races Humaines, 4 vol., Paris 1853–55; siehe: Stevens, Henry: The Humboldt Library. A Catalogue of the Library of Alexander von Humboldt. London 1863. Reprint: Leipzig 1967, S. 253, Nr. 3475].

17 Simar, Théophile: Étude critique sur la doctrine des races au XVIIIe siècle et son expansion au XIXe siècle. Bruxelles 1922, S. 128.

18 Biermann, Kurt-R.; Lange, Fritz G.: Alexander von Humboldts Weg zum Naturforscher und Forschungsreisenden. In: Alexander von Humboldt. Wirkendes Vorbild für Fortschritt und Befreiung der Menschheit. Festschrift aus Anlaß seines 200. Geburtstages. Berlin 1969, S. 95–96. [Siehe auch: Alexander von Humboldt. Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. Zusammengestellt und erläutert von Kurt-R. Biermann. Leipzig, Jena, Berlin 1989, S. 35–40.]

19 Uhlands Briefwechsel. Hrsg. von Julius Hartmann. Teil 4. Stuttgart, Berlin 1916, S. 79. https://archive.org/details/briefwechsel04uhlauoft/page/79/mode/1up (zuletzt aufgerufen am 13.8.2020).

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