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Ottmar Ette

Paris/Berlin/Havanna:
Alexander von Humboldts transareale Wissenschaft
und die Revolution nach der Revolution

Abstract

Without any doubt, Paris – as a major European centre with its renowned scientific institutions, its publishing houses and scientific circles, but also its salons – was the ideal place for Alexander von Humboldt to advance his scientific work and to observe the accelerating circulation of knowledge that inspired his writing. And yet, the development of his life’s work was less linked to a specific, concrete place than to a vectoricity. This is evident in all of Humboldt’s writings in the overlays of the most diverse places and landscapes. Right across Humboldt’s journeys, that were and still are astonishing both in their dimensions and in their results, there is an oscillating movement that connected Berlin, Potsdam and Paris with the ‘New World’ and the debates about the latter over a period of almost six decades.

Résumé

Sans aucun doute, Paris, avec ses institutions scientifiques renommées, ses maisons d’édition et ses cercles scientifiques, mais aussi avec ses salons en tant que centre européen majeur, était pour Alexander von Humboldt l’endroit idéal pour faire avancer son travail scientifique et pour observer la circulation accélérée des connaissances qui a inspiré son écriture. Pourtant, le développement de l’œuvre de sa vie était moins lié à un lieu concret spécifique qu’à une vectoricité. Ceci est évident dans tous les écrits de Humboldt dans les superpositions des lieux et paysages les plus divers. A travers les voyages étonnants de Humboldt, tant dans leurs dimensions que dans leurs résultats, il y a un mouvement oscillant qui a relié Berlin, Potsdam et Paris au ‘Nouveau Monde’, ainsi qu’aux débats sur ce dernier, pendant une période de près de six décennies.

Zusammenfassung

Zweifellos war Paris mit seinen renommierten wissenschaftlichen Institutionen, seinen Verlagen und wissenschaftlichen Zirkeln, aber auch mit seinen Salons als großes europäisches Zentrum für Alexander von Humboldt der ideale Ort, um seine wissenschaftlichen Arbeiten voranzutreiben und jene sich beschleunigende Zirkulation von Wissen zu beobachten, die seine eigenen Arbeiten beflügelte. Und dennoch war die Entwicklung seines Lebens-Werkes weniger mit einem bestimmten konkreten Ort als vielmehr mit einer Vektorizität verknüpft. Diese tritt in allen Schriften Humboldts in den Überlagerungen der unterschiedlichsten Orte und Landschaften zutage. Quer zu den bis heute in ihren Dimensionen wie in ihren Ergebnissen erstaunlichen Reisen Humboldts zeigt sich eine oszillierende Bewegung, die über einen Zeitraum von nahezu sechs Jahrzehnten Berlin, Potsdam und Paris mit der ‚Neuen Welt‘ und den Debatten um letztere verband.

»Paris croisé« – Revolution und Zirkulation

Im dritten Band seines zwischen April 1834 und August 1838 in Paris in französischer Sprache erschienenen Werkes über die Entdeckungsgeschichte der Neuen Welt ließ Alexander von Humboldt eine Fußnote abdrucken, in der er sich mit den Quellen für die gewagten Berechnungen des Weltendes durch Christoph Columbus auseinandersetzte. Dabei wies er über mehrere Seiten die Lektüren des europäischen Entdeckers und die komplexen Textfiliationen nach, die über die Alphonsinischen Tafeln bis zu den Schriften des Kardinals Pierre d’Ailly führen, nach dessen Berechnungen im Jahre 1789 eine der großen Perioden des Saturn beendet sein sollte.1 Ob die Welt die sich daraus ergebenden und besonders die Gesetze betreffenden Veränderungen überleben werde, habe der Kardinal, so Humboldt, im Jahre 1414 nicht zu sagen vermocht.2 Diese aufgrund astronomischer Anzeichen für das Jahr 1789 erwartete Ankunft des Antichrist kommentierte Humboldt – wie so oft den Zeitpunkt und den Raum, mit denen er sich in diesem Werk eigentlich beschäftigte, bewusst verlassend – wie folgt:

On se demande si cette coïncidence accidentelle de dates, cette prédiction d’une révolution qui occupe une si grande place dans l’histoire du genre humain, n’auraient pas déjà été signalées par ceux qui se plaisent de nos jours à tout ce qui est mystique et ténébreux.3

Diese Voraussage einer Jahrhunderte später eintretenden Revolution und deren Kommentierung durch den Verfasser eines fünfbändigen Werkes, in dessen Mittelpunkt die mit höchster Sorgfalt und historischer wie philologischer Genauigkeit durchgeführte Untersuchung der Entdeckungsgeschichte Amerikas und damit der ersten Phase beschleunigter Globalisierung steht, ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Denn man könnte zum einen durchaus die Vermutung wagen, dass Alexander von Humboldt mit Bedacht den Verweis auf die Französische Revolution in seine Kritische Untersuchung der Expansion Europas einschmuggelte, gab er seinem Lesepublikum doch damit zu verstehen, dass man den Ereignissen von 1789 in der Geschichte des Menschengeschlechts durchaus einen ähnlich herausragenden Platz einräumen müsse wie jenen Entwicklungen, die zur Findung und Erfindung einer Neuen Welt führten. Und zum anderen verwies der damals am preußischen Hof – wo man nicht eben gerne von Revolutionen hörte – lebende Gelehrte damit nicht nur auf ein Ereignis, das von den im damaligen Europa durchaus zahlreichen Anhängern eines ‚mystischen und geheimnisvollen Dunkels‘4 aus der kollektiven Erinnerung getilgt werden sollte, sondern das für seine eigene geistige Entwicklung von größter Bedeutung gewesen war: die Beendigung des Ancien Régime und die paradigmatische Revolution der europäischen Moderne.

Denn am Ende seiner vom 25. März bis zum 11. Juli 1790 zusammen mit keinem Geringeren als Georg Forster durchgeführten Reise an den Niederrhein, nach Holland, England und Frankreich hatte der jüngere der beiden Humboldt-Brüder ein revolutionäres Paris kennengelernt, das ihn von Beginn an in seinen Bann zog. Die französische Hauptstadt, die er zum ersten Mal und überdies aus der Perspektive des revolutionär gesinnten Forster erblickte, der James Cook auf dessen zweiter Weltumsegelung begleitet und darüber einen gefeierten und Humboldt stark beeinflussenden Reisebericht verfasst hatte, faszinierte ihn ebenso wie die unüberhörbare Bewegung und Erregtheit der Massen, die die Straßen von Paris füllten. Der junge Mann, der später beschrieb, mit welchem Enthusiasmus er selbst Hand angelegt und für die Errichtung des „noch unvollendeten Freiheitstempels […] Sand gekarrt“ hatte,5 nahm Bilder in sich auf, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten und ihm „vor der Seele“6 stehen sollten. Paris bot Alexander von Beginn an das Spektakel einer gegenüber Berlin ganz anderen Welt.

Die bereits Konturen annehmende Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war für Alexander von Humboldt aber nicht allein die Stadt einer revolutionär erkämpften Freiheit und das herausragende Zentrum der Wissenschaften und Künste, sondern zugleich auch jener Ort, von dem aus er sich die Verwirklichung der von ihm erträumten Weltreise versprach. Als sich Alexander von Humboldt ab März 1799 am Hof von Madrid und Aranjuez beim spanischen König Carlos IV. und dessen damals noch mächtigen Staatsminister Mariano Luis de Urquijo um die Erlaubnis bemühte, die spanischen Kolonien weltweit besuchen zu dürfen, verfasste er eine Kurzdarstellung seines eigenen Lebensweges. Auf diesen vieles gerafft darstellenden, aber auch vieles verschweigenden Seiten betonte er, wie sehr er von „dem heißen Wunsch beseelt“7 sei, „eine andere Weltgegend zu sehen, und zwar unter Beziehung auf die allgemeine Naturkunde, nicht nur die Arten und ihre Charakteristika zu studieren (ein Studium, dem man sich bis heute zu ausschließlich gewidmet hat), sondern den Einfluß der Atmosphäre und der chemischen Zusammensetzung auf die Lebewesen, den Bau des Erdballs, die Übereinstimmung der Schichten in den voneinander entferntesten Ländern, endlich die großen Harmonien in der Natur.“8 Er habe daher den preußischen König gebeten, einstweilen seinen Dienst „für einige Jahre“ verlassen und einen Teil seines „kleinen Vermögens dem Fortschritt der Wissenschaften“ opfern zu dürfen.9 Humboldt war fest entschlossen, das nach dem Tod seiner Mutter ererbte Vermögen für eine außereuropäische Forschungsreise zu verwenden, die er gemeinsam mit dem Franzosen Aimé Bonpland antreten wollte.

In dieser aufschlussreichen Skizzierung seines weitgespannten und fürwahr globalen (und globalisierenden) Forschungsprogramms für eine Reise, die ihn in die ‚Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents‘ führen sollte, hatte Humboldt, der als Preuße und Protestant (und überdies in Begleitung eines Franzosen) zu anderen Zeiten am spanischen Königshof als doppelt gefährlich erschienen wäre, geflissentlich sein nachhaltiges Interesse sowohl an den Kulturen der ‚eingeborenen Völker‘ – wie er sie schon bald im Titel seiner Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l’Amérique bezeichnen sollte – als auch an den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den spanischen Kolonien ‚vergessen‘10. Hätte er sein Interesse an den kolonialen Zuständen erwähnt, so wäre ihm niemals – trotz der für Humboldt so günstigen liberalen Zwischenphase Urquijos – der Zutritt zu den spanischen Kolonien in Übersee gewährt worden. Nicht vergessen hat der zum damaligen Zeitpunkt noch kaum Dreißigjährige (der sich durch Vorträge in Paris auch international längst einen Namen gemacht hatte) jedoch, dass ursprünglich nicht Madrid, sondern Paris zum Ausgangspunkt seiner geplanten Weltreise hatte werden sollen:

Das französische Direktorium hatte beschlossen, eine Weltumseglung mit drei Schiffen unter dem Kommando des Kapitäns Baudin durchführen zu lassen; ich wurde durch den Marineminister eingeladen, meine Arbeiten mit denen der Gelehrten zu verbinden, die an der Expedition teilnehmen sollten. Ich bereitete mich bereits darauf vor, nach Le Havre aufzubrechen, als Geldmangel das Projekt scheitern ließ.11

So wie er noch in Madrid das – am spanischen Königshof nicht eben beliebte – Bild eines Paris des Directoire evozierte, sollte Alexander von Humboldt auch viele Jahre später noch als demokratischen Prinzipien und den Idealen der Französischen Revolution verpflichteter Kammerherr am preußischen Königshof die Kleidung des Directoire tragen. Noch als weit über die Grenzen Preußens wie Europas hinaus berühmte Figur am preußischen Königshof galt Humboldt vielen zwar nicht als der Antichrist – auch wenn er seines ‚gottlosen‘ Kosmos wegen im Januar 1857 öffentlich als ‚Seelenmörder‘ beschimpft wurde12 –, wohl aber als verkappter Antimonarchist. Nicht umsonst folgte er am 22. März 1848 im Trauerzug den Särgen der gefallenen Revolutionäre in Berlin. Sein ganzer Habitus war ein symbolisches Zeichen seiner Verbundenheit nicht nur mit der französischen Hauptstadt, in der er im Verlauf seines langen Lebens mehrere Jahrzehnte lang lebte, und mit der französischen Sprache, in der er den größten Teil seines wissenschaftlichen und schriftstellerischen Werkes verfasste, sondern auch seiner Treue zu den republikanischen Idealen seines ersten Paris-Besuches und der Faszinationskraft, welche die ville lumière stets auf den weltbewussten Preußen ausgeübt hatte.

Das Paris, das Alexander von Humboldt verehrte, war nicht allein das Paris der Wissenschaften und seiner wissenschaftlichen Freunde, nicht nur das Paris der Salons und jenes französischen Lebensrhythmus, dem sich Humboldt nach seiner Rückkehr von der amerikanischen Forschungsreise (1799–1804) so hervorragend anpasste, nicht nur das Paris der französischen Sprache und großer Verlage, dem er sich ebenso als deutscher wie als französischer Schriftsteller zugehörig fühlte, sondern vor allem jenes Paris croisé, das zum Ort einer ungeheuren Zirkulation unterschiedlichster Formen des Wissens geworden war. Paris war für Alexander von Humboldt selbst während jener Zeiten, in denen die französische Hauptstadt von reaktionären politischen Kräften beherrscht schien, der Knotenpunkt einer circulation des savoirs, die weltweiten Zuschnitts war und die beschleunigte (Heraus-)Bildung dessen repräsentierte, was der Autor des Kosmos als das Weltbewusstsein13 bezeichnete. Humboldts Paris ist das Paris der Ideen – und vielleicht eben darum immer auch ein wenig idealisiert. Vor allem aber war die französische Hauptstadt für ihn längst in gewisser Weise ubiquitär geworden – Humboldt schleppte sie in seinem Habitus wie in seinem Lebensrhythmus, ja selbst noch in seiner Kleidung mit sich herum. Paris war ihm von Beginn an weit mehr als ein geographisch lokalisierbarer Ort.

Ici est un autre

Als sich Alexander von Humboldt während des letzten Drittels seines Lebens – mithin nach dem Ende seiner russisch-sibirischen Forschungsreise (1829) – über lange Zeiträume in Potsdam aufhielt, unternahm er es auf die für ihn so charakteristische ironisch-selbstironische Weise immer wieder gerne, die preußische Residenzstadt mit Elementen seiner amerikanischen Forschungsreise gleichsam zu möblieren. So wurde etwa Potsdams Brauhausberg, der über lange Jahre Humboldts Hausberg war und bis ins hohe Alter blieb und den er noch im hohen Alter gerne mit seinem Freund Berghaus bestieg, von ihm zu seinem „Potsdamer Chimborazo“14 stilisiert, während die Havel an der Stelle, an der sie die sogenannte Lange Brücke in unmittelbarer Nähe des Potsdamer Stadtschlosses – wo Humboldt im Zwischengeschoss über gut heizbare Räumlichkeiten verfügen konnte – überspannt, in die „Magellanische Meerenge“15 umbenannt wurde. Humboldt liebte es, amerikanische Reisebilder auf Potsdam zu projizieren.

Waren dies die Launen eines alten Mannes oder – wie Humboldt sich in seinen späten Jahren, in einem Brief vom 3. Dezember 1856 an seinen Freund Varnhagen von Ense, einmal selbst beschrieb – eines „Supergreis[es] mit bemoostem Haupte“?16 Als er im Frühjahr 1829, noch ehe seine russisch-sibirische Forschungsreise wirklich begonnen hatte, wegen des Eisgangs und der dadurch unmöglichen Überfahrt nach Memel mit seinem Forscherteam für einige Tage auf der Kurischen Nehrung festsaß, begann er, über seine missliche Lage zu spotten und in die vor ihm liegende Landschaft aus Sand und Gestrüpp jene andere ‚Sandwüste‘ hineinzuphantasieren, die er auf seiner Reise eben erst verlassen hatte:

Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Cirkel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würde[n], so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Nährung sich in das Meer tauchen sehen.17

Zum Auftakt seiner zwischen dem 12. April und dem 28. Dezember 1829 durchgeführten russisch-sibirischen Forschungsreise in das Reich jenes Zaren, dem man aufgrund seiner kompromisslos autoritären Herrschafts- und Unterdrückungsmethoden den Beinamen eines „Gendarmen Europas“18 gegeben hatte und den Humboldt in seiner Widmung in der für ihn so charakteristischen hintersinnigen Art in den Horizont dessen einrückte, was „le libre développement des facultés intellectuelles“19 fördere und entwickle, entstand in Alexanders Brief an seinen Bruder in Berlin ein eigenartig schillerndes Bild der preußischen Hauptstadt, deren „Unnatur“20 sich nach dem Oranienburger Tor nun bereits seit 200 Meilen gen Nordwesten ausdehne. Für die Genehmigung und Finanzierung dieser von ihm seit Jahrzehnten erträumten großen Asienreise hatte Humboldt in die Bedingung einwilligen müssen, nur über die ‚tote Natur‘, nicht aber die maroden und repressiven gesellschaftlichen Zustände des Riesenreiches zu berichten.21 Wie hätte er bei dieser asiatischen nicht an seine weitgehend unabhängig durchgeführte amerikanische Reise denken sollen?

So wie Berlin urplötzlich an der Kurischen Nehrung erschien, so wurde in seinem 1843 in Paris und in französischer Sprache veröffentlichten Werk Asie Centrale inmitten der sibirischen Steppen zunächst völlig überraschend das Bild des Chimborazo sowie anderer Andengipfel eingeblendet. Und so, wie sich in der Kleidung Humboldts am preußischen Königshof zu Berlin oder Potsdam unerwartet die Pariser Zeit verkörperte, so tauchten in den Schriften dieses großen Forschungsreisenden und Schriftstellers unter den Orten andere Orte, unter den Landschaften andere Landschaften auf. Oft machte sich in seinen Briefen und Schriften ein eigentümliches Oszillieren bemerkbar, das einen bestimmten Ort stets mit anderen Orten in Verbindung bringt, ja ferne Städte in ihm gegenwärtige Städte – zunächst ohne jeden erkennbaren Grund – unversehens einblendet. Man könnte daher in Abänderung einer berühmten autobiographischen Formel Arthur Rimbauds (Je est un autre) vom gleichzeitigen Anderssein (und Woanderssein) des je Eigenen sprechen: Ici est un autre.

Ein bestimmter Ort erscheint folglich bei Humboldt nicht als statischer, in seinen Grenzen und seiner Territorialität klar zu umreißender und zu fixierender Raum, sondern als ein Bewegungs-Raum, der durch oft verblüffende Verbindungen, stets aber durch sein Eingebundensein in mobile Strukturen und Strukturierungen charakterisiert wird. Mit Blick auf derartige Relationen gewinnt man einiges an nicht nur biographischer Tiefenschärfe, wenn man jenen autobiographischen Text hinzuzieht, mit dessen Niederschrift Humboldt auf Cuba begonnen hatte und den er auf Santa Fe de Bogotá, den 4. August 1801 datierte. Humboldt erinnerte sich damals an die sich ihm 1790 bietende Chance, Georg Forster auf der bereits erwähnten Reise begleiten zu dürfen:

Ich war damals krank, März 1790, in Göttingen und mit der Herausgabe meines ersten literarischen Produkts, den Basalten am Rhein, beschäftigt. Dennoch, mit welcher Freude nahm ich teil an dieser Reise. Ohnerachtet sie mich wie jedes nahe Zusammenleben unter Menschen und besonders bei Forsters kleinlich-eitelem Charakter mehr von ihm entfernte, als ihm nahe brachte, so hatte das Zusammenleben mit dem Weltumsegler doch großen Einfluß auf meinen Hang nach der Tropenwelt. Wie sehr erwachte diese Sehnsucht vollends bei dem Anblick des allverbreiteten, beweglichen, länderverbindenden Ozeans, den ich bei Ostende zuerst sah, wie sehr bei der kleinen Überfahrt von Hellevoetsluis nach Dover.22

Für Humboldts Denken charakteristisch ist, dass das Meer in dieser Passage – wie auch in späteren Schriften – nicht als ein verschiedene Landmassen voneinander trennendes, sondern diese miteinander verbindendes und überdies als das bewegliche Element par excellence begriffen wird. Humboldt beobachtet in der autobiographischen Rückschau, wie sich seine „warme Phantasie mit ersehnten Gestalten ferner Dinge“ füllt, nachdem sein Gemüt – so der freiheitsliebende Reisende – „18 Jahre lang im väterlichen Hause gemißhandelt und in einer dürftigen Sandnatur eingezwängt worden“ sei.23 In seinem Zimmer in England fasziniert ihn das Bild eines „ostindischen Schiffes“, das „in einem Sturme unterging“24 – und auch später sollte die Vorstellung des eigenen Schiffbruchs bei aller Lust zu Fernreisen stets lebendig bleiben. Er glaubt sich „in der Kapstadt vor Anker“, doch war „mit aufgehender Sonne“ der „süße Traum hinweggewischt“25. Alles erregt den „Wunsch nach der Tropenwelt“26 in ihm: „Ein Wunsch wie dieser, der mich ewig begleitete, das Streben nach Ländern, in denen wir durch grenzenlose Räume von den Unsrigen getrennt sind“27. Und Humboldt schloss die Reflexionen seines EigenLebenSchreibens mit den folgenden Sätzen:

Ich weinte oft, ohne zu wissen warum, und der arme Forster quälte sich zu erkunden, was so dunkel in meiner Seele lag. Mit dieser Stimmung kehrte ich über Paris nach Mainz zurück. Ich hatte entfernte Pläne geschmiedet.28

Auch in diesen Passagen, die die Erfahrungen eines jungen Reisenden reflektieren, erscheint unter einem Ort immer ein anderer Ort, wird in der Präsenz einer Landschaft, eines Landes immer ein anderes Land, eine andere Landschaft sichtbar: Ici est un autre. Das Faszinosum der Ferne wird im Fernweh eines jungen Mannes begreifbar, der sich in Gesellschaft eines Weltreisenden auf einer Europareise befindet, sich vor allem aber nach einer anderen Welt weit entfernter Länder und Meere sehnt.

Springen wir von der Ebene des erzählten Ich auf jene des erzählenden Ich, so wird deutlich, dass die Niederschrift von eben jener Weltreise aus erfolgt, von der das erzählte Ich einst träumte. Hinter der gemeinsamen Reise Forsters und Humboldts nach England und Frankreich wird somit nicht nur en amont die Weltumsegelung Forsters mit Cook, sondern auch en aval die amerikanische Forschungsreise Humboldts mit Bonpland gegenwärtig. Die Reisen überlagern sich: Unter der einen Reise wird eine ganz andere sichtbar, die ihrerseits auf künftige Reisen verweist, die selbst wiederum schon längst zu realisierten Reisen geworden sind. Humboldts autobiographisches Fern-Schreiben aus der Bewegung entfaltet ein komplexes Verwobensein von (Reise-)Bewegungen: Un voyage peut en cacher un autre.

Im EigenLebenSchreiben Alexander von Humboldts zeichnet sich erkennbar ab, dass die Raumerfahrung wie die Raumkonzeption des Verfassers der Ansichten der Natur in einem Lebenswissen und einer Lebenserfahrung gründen, die sich niemals nur von einem einzigen Orte herleiten. Einem Ort ist immer das ‚Fort‘ eingeschrieben, dem vermeintlich trennenden Meer immer ein Mehr an verbindender Bewegung.

Zum Zeitpunkt seiner amerikanischen Forschungsreise hatte Alexander von Humboldt längst eine komplexe Theorie von Raum und Bewegung entwickelt. In den vorangehenden Überlegungen war es mir folglich nicht darum zu tun, seine spatiale Konzeptionen allein in einer Lebenserfahrung zu verankern und die Humboldtsche Episteme in eine Reihe aufschlussreicher, aber nicht konzeptionell durchdachter Biographeme aufzulösen. Entscheidend ist vielmehr, die Humboldtsche Epistemologie als eine – im Übrigen auch für unsere Zeit noch höchst anspruchsvolle und zukunftsweisende – Struktur und Strukturierung zu begreifen, die hinter keiner auch noch so bewegenden Biographie verschwinden darf. Doch ohne die vitalen Kontexte, ohne die Biographeme kann die Humboldtsche Episteme in ihrer Entstehung nicht wirklich gedacht werden: Zu sehr sind Lebensstil und Denkstil beim Autor des Kosmos miteinander verwoben. Reisen und Bewegung sind in der transdisziplinären und interkulturellen Humboldtschen Wissenschaft von Anfang an Programm.

Vor der glücklichen Revolution

Um dieses Programm und seine Programmatik vor dem zeitgeschichtlichen und wissenschaftshistorischen Hintergrund angemessen verstehen zu können, ist es notwendig, den prähumboldtischen Stand des Wissens in aller gebotenen Kürze zu rekonstruieren und in Erinnerung zu rufen.

Um dies zu erreichen, ist es keineswegs notwendig, zu den europäischen Zentren der damaligen Debatten um die außereuropäische Welt – also nach London, Paris oder Madrid – zu eilen. In unserem Falle genügt es vielmehr, in Berlin und Potsdam zu bleiben. Denn hier fand ab 1768 in französischer Sprache eine Debatte29 statt, die ein weltweites Interesse erregte und bis weit ins 19. Jahrhundert – auch noch für die Philosophie Hegels und deren weltgeschichtliche Sichtweise der ‚Neuen Welt‘ – von großer Bedeutung war. Wie aber ließe sich diese Berliner Debatte um die Neue Welt30 mit Blick auf unsere Fragestellung in aller gebotenen Kürze resümieren?

Im Jahre 1768 erschien unter dem Autornamen eines „Mr. de P***“ in Berlin der erste Band der Recherches philosophiques sur les Américains, in dessen ‚Discours Préliminaire‘ der 1739 in Amsterdam geborene, an den Jesuitenkollegs von Lüttich und Köln ausgebildete und zeitweise an der Göttinger Universität eingeschriebene Cornelius de Pauw keinerlei Zweifel an der weltgeschichtlichen Bedeutung der ‚Entdeckung Amerikas‘ durch Christoph Columbus, aber auch an einer gleichsam natürlichen Zweiteilung der Welt in zwei Hemisphären ließ:

Il n’y a pas d’evénement plus mémorable parmi les hommes, que la Découverte de l’Amérique. En remontant des temps présents aux temps les plus réculés, il n’y a point d’evénement qu’on puisse comparer à celui là; & c’est sans doute, un spectacle grand & terrible de voir une moitié de ce globe, tellement disgraciée par la nature, que tout y étoit ou dégéneré, ou monstrueux.

Quel Physicien de l’Antiquité eut jamais soupçonné qu’une même Planète avoit deux Hémisphères si différents, dont l’un seroit vaincu, subjugué & comme englouti par l’autre, dès qu’il en seroit connu, après un laps de siécles qui se perdent dans la nuit & l’abyme des temps?

Cette étonnante révolution qui changea la face de la terre & la fortune des Nations, fût absolument momentanée, parce que par une fatalité presqu’incroiable, il n’existoit aucun équilibre entre l’attaque & la défense. Toute la force & toute l’injustice étoient du côté des Européans: les Américains n’avoient que de la foiblesse: ils devoient donc être exterminés & exterminés dans un instant.31

Diese von Cornelius de Pauw ins Feld geführte Zweiteilung der Erde in eine von materieller, geistiger und technologischer Überlegenheit und Stärke geprägten Alten Welt und eine von natürlicher Schwäche, fundamentaler Unterlegenheit und organischer Monstrosität charakterisierten Neuen Welt stellte keineswegs eine gänzlich neuartige Sichtweise der Differenzen zwischen Europa und Amerika dar, griff der wortgewaltige Abbé, der sich zweimal – zunächst 1767 und 1768 sowie ein zweites Mal 1775 und 1776 – für längere Zeit am Hofe Friedrichs des Großen in Berlin und Potsdam aufhielt, doch unter anderem auf die Theorien der Histoire naturelle Buffons und eine Vielzahl von Argumenten zurück,32 die ein seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts anhaltender Disput angehäuft hatte. Dank einer feurigen und zugleich in Brand steckenden Rhetorik und der Fähigkeit de Pauws, die vermeintlich natürlichen Gegensätze zwischen beiden Welten noch wesentlich schärfer zuzuspitzen, gelang es den Recherches philosophiques sur les Américains, rasch die Aufmerksamkeit der internationalen République des Lettres auf sich zu ziehen.

Ohne an dieser Stelle die originellen Einsichten de Pauws zur ersten Phase beschleunigter Globalisierung aus der Perspektive der sich zu seiner Zeit unübersehbar beschleunigenden zweiten Globalisierungsphase näher ausführen zu können, und ohne in diesem Kontext darauf zu verweisen, auf welch spannende Weise der in den Niederlanden geborene philosophe die Wissenschaft als einen essentiellen Teil des zerstörerischen ‚zivilisatorischen‘ Expansionsprozesses begriff, sei an dieser Stelle doch darauf aufmerksam gemacht, dass es zu simpel ist, das dreibändige Werk der Recherches philosophiques sur les Américains schlicht unter der Überschrift ‚Inferioritätsthese Amerikas‘ abzuheften. Dieses Etikett allein könnte den Erfolg dieses umfangreichen Werkes nicht erklären.

Doch nicht nur in der Neuen Welt riefen die pointiert vorgetragenen Thesen von der natürlichen Unterlegenheit und Schwäche Amerikas Empörung und wütende Gegenangriffe gegen einen Autor hervor, der den Gegenstand seiner ‚Recherchen‘ gar nicht aus eigener Anschauung, sondern nur aus seinen ausgedehnten und zugleich selektiven Lektüren kannte. Denn bald regte sich auch vor Ort, in Berlin, wo die Bände de Pauws erschienen, entschiedener Widerstand. Die Aufsehen erregenden Formulierungen de Pauws boten, wie das nachfolgende Zitat aus dem 1769 erschienenen zweiten Band der Recherches belegen mag, reichlich Zündstoff für Auseinandersetzungen:

Si l’on excepte donc les habitants de l’Europe; si l’on excepte quatre à cinq peuples de l’Asie, & quelques petits cantons de l’Afrique, le surplus du genre humain n’est composé que d’individus qui ressemblent moins à des hommes qu’à des animaux sauvages: cependant ils occupent sept à huit fois plus de place sur le globe que toutes les nations policées ensemble, & ne s’expatrient presque jamais. Si l’on n’avoit transporté en Amérique des Africains malgré eux, ils n’y seroient jamais allés: les Hottentots ne voyagent pas plus que les Orangs […].33

Europa erscheint als der einzig denkbare und legitime Sitz von „puissance“, „grandeur“ und „gloire“ des Menschengeschlechts.34 Selten sind europazentrische Vorstellungen unverblümter und radikaler – und dabei zugleich auf eine Weise, die den überwiegenden Teil der Menschheit aus dem Menschengeschlecht ausschließt – formuliert worden. Cornelius de Pauw suchte mit solchen polemischen Formulierungen eine Debatte zu schüren, die dann auch entbrannte und ihn binnen kurzer Zeit zu einem weit über die Grenzen Europas hinaus berühmten philosophe machte. Bereits kurze Zeit nach Erscheinen des zweiten Bandes wandte sich der Franzose Antoine-Joseph Pernety, der als ehemaliger Benediktiner und Schiffskaplan an der 1763 und 1764 von Bougainville durchgeführten Erkundungsreise zu den Malwinen und zur Magellanstraße teilgenommen hatte, an die gelehrte Öffentlichkeit. Am 7. September 1769, also genau eine Woche vor der Geburt Alexander von Humboldts in der preußischen Hauptstadt, hielt Pernety, der von Friedrich dem Großen eine Anstellung als Bibliothekar erhalten hatte, eine Rede vor der Berliner Akademie, in der er de Pauw scharf angriff und immer wieder die Tatsache betonte, dass der Verfasser der Recherches philosophiques sur les Américains zu seinen irrigen Thesen nur hatte gelangen können, weil er Amerika nicht aus eigener Anschauung kannte. Pernety selbst ließ sich die Chance, auf seinen nahezu zeitgleich ebenfalls in Berlin und in französischer Sprache erschienenen Reisebericht, seinen Journal historique aus dem Jahre 1769,35 zu verweisen, nicht entgehen. Indem er sich selbst zum Forschungsreisenden und Augenzeugen stilisierte, versuchte er de Pauw als eher ungeschickten Schreibtischgelehrten zu disqualifizieren, der systematisch all das aus seinem Werk ausgeschlossen habe, was nicht in sein système passe. Manche Überlegungen seien durchaus zu diskutieren; nichts aber rechtfertige den „ton affirmatif & décidé“ und den zur Schau gestellten „ton d’assurance“, mit dem de Pauw seine fragwürdigen Thesen vorgetragen habe.36

Neben der Betonung der eigenen Augenzeugenschaft wird schon auf den ersten Seiten von Pernetys Dissertation – die Cornelius de Pauw absichtsvoll im dritten, 1770 erschienenen Band seiner Recherches philosophiques sur les Américains in voller Länge abdruckte, um ihr eine um ein Vielfaches umfangreichere Défense nachzustellen, die ihren Eindruck auf eine internationale Leserschaft nicht verfehlte – eine zweite Angriffsstrategie des französischen Bibliothekars am preußischen Hofe deutlich: Er versucht, die Argumente de Pauws in ihr Gegenteil zu verkehren. Anders als beim holländischen Philosophen wird bei seinem französischen Kontrahenten aus dem Norden Europas und Asiens eine „terre maudite“,37 und dort, wo de Pauw in der gemäßigten Zone der Alten Welt die Krone des Menschengeschlechts ausgemacht zu haben schien, entwirft Pernety das Bild einer in ihrer naturräumlichen Ausstattung keineswegs begehrenswerten Region.38 Der naturräumlichen Abwertung Amerikas bei de Pauw antwortet die Verwandlung der Neuen Welt in einen locus amoenus bei Pernety. So überrascht seine rhetorische Frage nach den vermeintlichen Vorzügen eines Lebens in Europa keineswegs:

Quel privilege a donc notre continent sur celui de l’Amérique? celui d’être habité par des hommes condamnés à un travail sans relâche; obligés pour satisfaire leurs besoins les plus pressants, de manger le pain même le plus ragoutant, d’arroser sans cesse de leur sueur & de leurs pleurs cette terre, le jouet d’un climat inconstant, cette terre qui ne trompe que trop souvent leurs espérances, & dont la beauté riante est l’effet non d’une nature empressée comme en Amérique, de satisfaire les défis de ses enfants; mais d’une nature forcée de rire d’une grimace convulsive, dont notre orgueil & notre amour propre ont su nous apprendre à nous contenter, qui plus est, à la trouver belle.39

Auch wenn Pernetys Vortrag an der Berliner Akademie offenkundig mit Wohlwollen aufgenommen wurde, so konnte eine derartig einfache Diskursstrategie doch nicht genügen, um die überlegene rhetorische Maschinerie eines Cornelius de Pauw außer Kraft zu setzen. Gewiss kann man bei Pernety „elements of a modern ethnological attitude“40 erkennen, doch blieb seine Argumentationsweise allzu sehr an die von de Pauw ins Feld geführten Thesen, die Pernety oftmals nur mit anderen Vorzeichen versah, gebunden. Damit aber erwies sich Pernety einen Bärendienst und begab sich freiwillig in die Hände seines Widersachers. Ohne an dieser Stelle ausführlich auf die durchaus spannenden Umstände und Argumente eingehen zu können, welche diese Berliner Debatte über die Neue Welt prägten, kann aus heutiger Sicht doch festgestellt werden, dass sich de Pauw in dieser Auseinandersetzung deutlich durchsetzte: Er galt fortan als Spezialist für die Neue Welt und verfasste auch die erste Hälfte des einflussreichen Artikels „Amérique“ für den Supplementband der Encyclopédie von 177641.

Antoine-Joseph Pernety bot das gesamte Arsenal an Argumenten auf, das – wie etwa im Falle der Mythen vom unerschöpflichen Reichtum tropischer Böden für die Landwirtschaft (es genüge, mit einem einfachen Holzpflug die Erde zu ‚kratzen‘42) oder vom glücklichen Leben edler Wilder – als wichtige Unterströmung zum Teil bis in unsere Tage fortwirkt. Für unsere Themenstellung entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass de Pauw wie Pernety (wenn auch mit entgegengesetztem Vorzeichen) einen fundamentalen Gegensatz zwischen Alter und Neuer Welt konstruiert, der von Europa aus betrachtet eine radikale Alterität der amerikanischen Hemisphäre fixiert. De Pauws Recherches philosophiques sur les Américains (1768–1770) wie Pernetys Dissertation sur l’Amérique et les Naturels de cette partie du monde (1769) und sein nachgeschobenes, aber wirkungslos bleibendes Examen (177143) entwerfen damit ein statisches, von einer grundlegenden Dichotomie geprägtes Bild zweier gegensätzlicher Hemisphären und ihrer Bewohner, das von zahlreichen (positiv oder negativ bewerteten) Vergleichen geprägt ist, aber keine wirkliche Relationalität entfaltet. Es handelt sich um naturgeschichtlich untermauerte, statische Standbilder einander entgegengesetzter Welten.

Der Hafen von Havanna und die Insel als Bewegungs-Raum

Wir hatten gesehen, dass Alexander von Humboldt das Meer schon sehr früh als das mobile, bewegliche und verbindende Element an sich begriff. Insofern hat der Autor der Geographie der Pflanzen in seinem Reisewerk immer wieder Szenen der Abfahrt oder der Ankunft zu Schiff besonders sorgfältig gestaltet. Denn sie bilden hervorgehobene reiseliterarische Orte, die auf literarischer Ebene eine besonders hohe semantische Dichte und Signifikanz aufweisen. Hafenstädten kommt in diesem Zusammenhang eine spezifische Relevanz zu, erschließen sie doch gleichsam den Raum, für den sie als Eingangstore stellvertretend stehen.

Der kubanische Schriftsteller und poeta doctus Alejo Carpentier traf daher eine exzellente Wahl, als er für seine literarische Liebeserklärung an Havanna – das entgegen der von ihm oft verbreiteten Legende nicht seine Geburtsstadt war – als incipit jene Schilderung der Einfahrt in den Hafen der kubanischen Hauptstadt aussuchte, die Alexander von Humboldt im 28. Kapitel seiner Relation historique abdrucken ließ.44 Dieses Kapitel seines Fragment gebliebenen und zwischen November 1814 und April 1831 in Paris auf Französisch publizierten Berichts von der amerikanischen Forschungsreise erschien im dritten Band der Relation und wurde parallel zum Reisebericht als Separatdruck unter dem Titel Essai politique sur l’île de Cuba 1826 veröffentlicht. Die Einfahrt in den Hafen von Havanna, die Humboldt ein erstes Mal am 19. Dezember 1800 genießen konnte, wird spektakulär in Szene gesetzt:

L’aspect de la Havane, à l’entrée du port, est un des plus rians et des plus pittoresques dont on puisse jouir sur le littoral de l’Amérique équinoxiale, au nord de l’équateur. Ce site, célébré par les voyageurs de toutes les nations, n’a pas le luxe de végétation qui orne les bords de la rivière de Guayaquil, ni la sauvage majesté des côtes rocheuses de Rio Janeiro, deux ports de l’hémisphère austral: mais la grâce qui, dans nos climats, embellit les scènes de la nature cultivée, se mêle ici à la majesté des formes végétales, à la vigueur organique qui caractérise la zone torride. Dans un mélange d’impressions si douces, l’Européen oublie le danger qui le menace au sein des cités populeuses des Antilles; il cherche à saisir les élémens divers d’un vaste paysage, à contempler ces châteaux forts qui couronnent les rochers à l’est du port, ce bassin intérieur, entouré de villages et de fermes, ces palmiers qui s’élèvent à une hauteur prodigieuse, cette ville à demi cachée par une forêt de mâts et la voilure des vaisseaux.45

Die literarische Gestaltung dieser eindrucksvollen Passage basiert gleichsam auf einem erzähltechnischen travelling, entfalten sich doch der Hafen und die Stadt Havanna aus der Perspektive eines von Bord aus beobachtenden Reisenden, der aus der eigenen Bewegung den Bewegungsort des kubanischen Haupthafens porträtiert. Dieses Prinzip eines Schreibens und einer Darstellung aus der Bewegung hat Alexander von Humboldt des Öfteren angewandt: Selbst in seiner Summa, dem Kosmos, wird das Lesepublikum gleichsam auf kosmischen Pfaden durch den Weltraum zum Erdball und auf die Oberfläche unseres Planeten geführt.

Im Kontext unserer Überlegungen soll es hier nicht um die spezifisch literarischen Formen des Humboldtian Writing als eines Schreibens (in) der Moderne gehen.46 Die kontrastive Situierung dieses ‚pittoresken‘ und häufig von Reisenden aller Herren Länder aufgesuchten und ‚gefeierten‘ Hafens gegenüber den Häfen von Guayaquil (den Humboldt kannte) und Rio de Janeiro (der ihm nur durch Stiche und reiseliterarische Beschreibungen bekannt war) leitet in dieser Passage über zur Bestimmung einer spezifischen Zwischenstellung Havannas. Denn in diesem Hafen überkreuzen sich die klimatischen Bedingungen der gemäßigten Zone und die ‚kultivierte Natur‘ des Nordens einerseits mit der ‚Majestät‘ tropischer Gewächse, wie sie die heiße Zone charakterisieren. So erscheint der Hafen von Havanna bereits auf dieser Ebene als ein Ort des Austauschs, einer Zirkulation, die offenkundig den Norden mit dem Süden und zugleich den Osten mit dem Westen, Europa mit Amerika, verbindet. Auf diese Weise deutet sich bereits die Notwendigkeit an, einen Raum aus der Bewegung heraus zu begreifen und zwar von seinem Hafen, seinem Haupthafen aus, der überhaupt erst die Kommunikationen und die dadurch entstehende Zirkulation von Wissen ermöglicht.

Der Mischung der Klimate und der Pflanzen entspricht eine ‚Vermischung‘ so süßer und angenehmer Eindrücke, dass sie den dadurch sinnlich verwirrten und betörten europäischen Reisenden über die Gefahr hinwegtäuschen, die nicht weniger von der Zirkulation in diesen dicht bevölkerten Städten der Antillen ausgeht. Die Gegensätze von Natur und Kultur, von Stadt und Land, von mobilem Wasser und festem Fels werden sorgfältig miteinander verwoben und vermischt, so dass sich eine bewegte und zugleich bewegende Szenerie entfaltet, die in der Folge weiter ausgeführt wird.

Leicht ließe sich belegen, dass die Einfahrt in den Hafen von Havanna wie eine mise en abyme des gesamten Textes funktioniert. Für unsere Fragestellung relevant ist folglich die Tatsache, dass Alexander von Humboldt durch die von ihm gewählte mobile Perspektivierung den Hafen von Havanna als fraktales Muster47 der gesamten Insel von Beginn an als einen Bewegungsort in Szene setzt, an dem sich höchst gegensätzliche Klimate, Pflanzenformen, Städte und Bevölkerungen begegnen und eine Zirkulation von Waren wie von Menschen – und auch von Menschen als Waren, wird doch schon früh der Blick auf den Verkauf der „malheureux esclaves“48 gelenkt –, von Kulturen und Sprachen, von Traditionen und Ideen einsetzt. Der epistemologische Status dieser Passage ist offenkundig: Dort, wo sich bei Cornelius de Pauw oder Antoine-Joseph Pernety die Gegensätze mehr oder minder statisch gegenüberstanden, werden sie bei Alexander von Humboldt dank jenes „Anblick[s] des allverbreiteten, beweglichen, länderverbindenden Ozeans“49 intensiv aufeinander bezogen und miteinander in ständigen und wechselseitig verändernden Austausch gebracht. Der Hafen von Havanna ist ein Ort des Transits, der nur aus seiner mobilen Relationalität, nicht aus seiner statischen Territorialität heraus verstanden werden kann.

Gewiss könnte nichts die Insel Cuba, die eine gewichtige Rolle ebenso in der ersten wie in der zweiten und dritten Phase beschleunigter Globalisierung spielte, besser vermitteln als eine Darstellung, welche die größte der Antilleninseln als intensiven transozeanischen Bewegungs-Raum erscheinen lässt. Der tropischen Fülle der Palmen an Land entsprechen ganze Wälder von Masten, die mit ihren Segeln die Fülle der vom Menschen initiierten Zirkulationsformen repräsentieren.

Die epistemologische Qualität dieser literarisch gelungenen Ankunft ist somit evident: Humboldts Verständnis von Cuba basiert nicht auf dem Vergleich zwischen zwei grundlegend voneinander getrennten und unterschiedenen Seiten des Atlantik, sondern arbeitet jenseits des Vergleichs eine mobile Relationalität heraus, in der alles mit allem verbunden scheint. Das für das Humboldtsche Denken vielleicht zentrale Theorem – „Alles ist Wechselwirkung“50 – bezieht sich nicht nur auf die wechselseitigen Transformationen von Natur und Natur, Kultur und Kultur oder Natur und Kultur, sondern zielt auf einen globalen Raum beständigen Austauschs ab, der durch den länderverbindenden Ozean als mobilisierende Kraft, als Grundelement der Dynamik erschlossen wird. Dass diese beschleunigte Bewegung nicht nur weltweite Austauschbeziehungen hervorbringen, sondern auch die Grundfesten der kubanischen Sklavenhaltergesellschaft selbst hinwegspülen konnte – die Erfahrung der zum Zeitpunkt von Humboldts beiden Aufenthalten auf Cuba noch immer auf der Nachbarinsel tobenden Haitianischen Revolution war auch zur Zeit der Niederschrift dieser Passagen nicht verblichen –, war dem Verfasser des Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne höchst bewusst. Die Revolutionen und Umwälzungen, die von politischen, sozialen oder anderen emanzipatorischen Bewegungen ausgelöst werden konnten, waren Teil des Humboldtschen Bewegungskonzepts und Lebenswissens.51 Vor dem Hintergrund der revolutionären Ereignisse in Saint-Domingue, der ehemals reichsten europäischen Kolonie der Antillen, aber auch angesichts der Französischen Revolution und seines eigenen Erlebens des revolutionären Paris wusste Humboldt, wie rasch sich unter dem Einfluss erst einmal in Zirkulation gesetzter Ideen stets für stabil gehaltene Strukturen abrupt verändern konnten. So schrieb er unter Berücksichtigung der raschen demographischen Entwicklungen auf Cuba:

Si la législation des Antilles et l’état des gens de couleur n’éprouvent pas bientôt des changemens salutaires, si l’on continue à discuter sans agir, la prépondérance politique passera entre les mains de ceux qui ont la force du travail, la volonté de s’affranchir et le courage d’endurer de longues privations. Cette catastrophe sanglante aura lieu comme une suite nécessaire des circonstances, et sans que les noirs libres d’Haïti s’en mêlent aucunement, sans qu’ils abandonnent le système d’isolement qu’ils ont suivi jusqu’ici. Qui oseroit prédire l’influence qu’exerceroit une Confédération africaine des États libres des Antilles, placée entre Colombia, l’Amérique du Nord et Guatimala, sur la politique du Nouveau-Monde?52

Die Historia, dies wusste Humboldt, war nicht länger die Magistra Vitae.53 Wer wollte die Zukunft einer Revolution oder dieser von Humboldt ins Spiel gebrachten ‚afrikanischen Konföderation‘ – die interessanterweise in spanischen Übersetzungen mit dem Begriff „confederación americana“ übersetzt zu werden pflegt – voraussagen? Die erfolgreichen Revolutionen in den englischen Kolonien Nordamerikas, in Frankreich und auf Saint-Domingue hatten dem von Paris aus in französischer Sprache schreibenden Humboldt gezeigt, wie offen die Geschichte(n), wie plural die Zukünfte waren. Für diese von einer Epochenerfahrung untersetzte Erkenntnis gab es vielleicht keinen besseren Ort als Paris, jene Stadt, die den eigentlichen (wenn auch nicht ausschließlichen) Lebensmittelpunkt Humboldts während der zweiten Phase seines Lebens, zwischen der amerikanischen Forschungsreise (1799–1804) und der russisch-sibirischen Forschungsreise (1829), bildete. Denn von hier aus ließ sich nicht nur die globale Zirkulation von Waren, Menschen und Ideen, sondern auch die Geschichte als komplexer Bewegungs-Raum mit seinen weitgespannten Wegen des Wissens erfassen.

Raum als Bewegung

Durch Vergleiche zwischen unterschiedlichen Räumen allein war dem Phänomen weltweiter Verflechtung in einer Phase beschleunigter Globalisierung nicht länger epistemologisch beizukommen. Alexander von Humboldt begriff, dass statische Vergleiche auf die Ebene mobiler Relationalitäten gehoben werden mussten, wollte man auf wissenschaftlichem Wege das verstehen, was Georg Forster mit Blick auf die Entwicklung des Welthandels durchaus gesehen hatte. Unter dem Eindruck, dass sich „die ganze Weltgeschichte“ in den Handel der europäischen Mächte aufzulösen im Begriff stand, erblickte er die Pflicht des Forschers darin, „so viele Ideen und Thatsachen“ als möglich zu berücksichtigen und „in einen Brennpunkt zu sammeln“54. War aber wirklich noch alles in einem Brennpunkt zu bündeln?

Für Alexander von Humboldts Wissenschaftsmodell konnte die Metapher des Brennspiegels nicht länger taugen. Er hatte überdies erkannt, dass sich um 1800 ein grundlegender Wandel in den Wissenschaften vollzogen hatte, wie er ihn in seiner auf Paris im April 1813 datierten Einleitung zu seinen Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l’Amérique prägnant konstatierte:

L’ardeur avec laquelle on s’étoit livré à des recherches sur l’Amérique, diminua dès le commencement du dix-septième siècle; les colonies espagnoles, qui renferment les seules régions jadis habitées par des peuples civilisés, restèrent fermées aux nations étrangères; et récemment, lorsque l’abbé Clavigero publia en Italie son Histoire ancienne du Mexique, on regarda comme très-douteux des faits attestés par une foule de témoins oculaires souvent ennemis les uns des autres. Des écrivains célèbres, plus frappés des contrastes que de l’harmonie de la nature, s’étoient plu à dépeindre l’Amérique entière comme un pays marécageux, contraire à la multiplication des animaux, et nouvellement habité par des hordes aussi peu civilisées que les habitans de la mer du Sud. Dans les recherches historiques sur les Américains, un scepticisme absolu avoit été substitué à une saine critique. On confondoit les descriptions déclamatoires de Solis et de quelques autres écrivains qui n’avoient pas quitté l’Europe, avec les relations simples et vraies des premiers voyageurs; il paroissoit du devoir d’un philosophe de nier tout ce qui avoit été observé par des missionnaires.

Depuis la fin du dernier siècle, une révolution heureuse s’est opérée dans la manière d’envisager la civilisation des peuples et les causes qui en arrêtent ou favorisent les progrès. Nous avons appris à connoître des nations dont les mœurs, les institutions et les arts diffèrent presque autant de ceux des Grecs et des Romains, que les formes primitives d’animaux détruits diffèrent de celles des espèces qui sont l’objet de l’histoire naturelle descriptive. La société de Calcutta a répandu une vive lumière sur l’histoire des peuples de l’Asie. Les monumens de l’Égypte, décrits de nos jours avec une admirable exactitude, ont été comparés aux monumens des pays les plus éloignés, et mes recherches sur les peuples indigènes de l’Amérique paroissent à une époque où l’on ne regarde pas comme indigne d’attention tout ce qui s’éloigne du style dont les Grecs nous ont laissé d’inimitables modèles.55

In dieser langen, doch sehr verdichteten wissenschaftshistorischen wie wissenschaftstheoretischen Passage rechnet Alexander von Humboldt zunächst – ohne Namen zu nennen – mit den de Pauw, Pernety oder Raynal, den philosophes und Vertretern einer mittlerweile überholten Episteme ab, die alles in Gegensätzen („contrastes“) abgehandelt, über keine empirische Grundlage ihres Wissens verfügt und keine fundierte Kritik jenseits unsinniger Verallgemeinerungen vorgetragen hätten.

Diese Situation aber habe sich grundlegend an der Wende zum 19. Jahrhundert verändert: Humboldt glaubte, eine ‚glückliche Revolution‘ – mithin eine weitere Revolution, diesmal jedoch auf dem Gebiet der Wissenschaften – konstatieren zu können, die zum einen auf empirischen Grundlagen beruhe und zum anderen über ein weltweit erhobenes Datenmaterial verfüge. Diese Veränderungen bildeten in der Tat die Grundlage für Humboldts neuen Diskurs über die Neue Welt.

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass die zweite Phase beschleunigter Globalisierung im Verlauf der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer grundlegenden Veränderung insofern geführt hatte, als nunmehr Untersuchungen und Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Weltgegenden eintrafen und darauf warteten, mit anderen Datensätzen kritisch in Beziehung gesetzt zu werden. „Alles ist Wechselwirkung“ – dieses Humboldtsche Theorem galt nicht nur für die Natur, sondern auch für die unterschiedlichsten kulturellen Phänomene, deren sich der Verfasser des Kosmos annahm.

Dies ermöglichte eine neue dynamische Relationalität, zu deren beschleunigter Verflechtung Humboldt selbst beizutragen suchte. Dazu verstärkte er sein bereits vor der amerikanischen Forschungsreise aufgebautes Korrespondentennetz nun von Paris aus, was ihm erlaubte, auch nach seiner Rückkehr nach Europa den Datenaustausch mit Spezialisten aus verschiedenen Regionen, aber auch den unterschiedlichsten Disziplinen nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern erheblich zu intensivieren. An die Stelle dichotomischer Gegensätze stellte Humboldt zunehmend Verkettungen und dynamische Netzwerkstrukturen, die seiner durchgängigen Vorstellung von einer ‚Harmonie der Natur‘, in der alles mit allem zusammenhängt, weitaus besser entsprach.

Die Zusammenführung und mehr noch das Zusammendenken von Informationen über die voneinander wie von Europa entferntesten Gebiete der Welt machte im Kontext einer nicht mehr einfach zu bündelnden, sondern in Vernetzungen umzusetzenden Datenflut die Entwicklung von Konzeptionen notwendig, die sich nicht allein auf eine einzige Area (wie etwa die iberischen Kolonien Amerikas) beschränken konnten. So führen bereits Humboldts Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l’Amérique die titelgemäß doppelte Verbindung von Phänomenen der Natur wie der Kultur im weltweiten Maßstab vor und verlangen zugleich auch nach Schreibformen, die dieser dynamischen Vielverbundenheit gerecht zu werden vermögen.

Diese von Humboldt im Verlauf eines langen Gelehrtenlebens immer komplexer gestaltete Konzeption lässt sich aus heutiger Perspektive als einzelne Areas querende Relationalität und folglich als transareal bezeichnen. Die Untersuchung etwa des Kalendersteins der Azteken bleibt keineswegs auf die Erforschung verschiedener Kulturen und ihrer Zeitvorstellungen in den Hochtälern Anáhuacs, der iberischen Kolonien oder der gesamten amerikanischen Hemisphäre beschränkt. Vielmehr werden vielfältige Relationen mit Zeitvorstellungen und Zeitrechnungen etwa bei den Tartaren oder Tibetern, Chinesen oder Japanern, bei Kulturen des Nahen oder Mittleren Ostens, aber auch den unterschiedlichen Kulturen des Abendlands seit den Griechen und Römern hergestellt. Humboldts Untersuchungen widmen sich aus dieser Sicht zwar einer bestimmten Area, begreifen diese aber nicht ‚aus sich selbst‘, sondern aus ihren Verbindungen und Beziehungen mit anderen Areas. Damit entsteht ein wissenschaftlicher Ansatz, den man durchaus der bereits skizzierten „révolution heureuse“56 in den Wissenschaften zurechnen, darüber hinaus aber als eine frühe Form der Entstehung von TransArea Studies begreifen könnte. Was aber ist hierunter aus heutiger Perspektive zu verstehen?

Vektorielle Dimension und TransArea Studies

Versucht man, diese wichtige Dimension der Humboldtschen Wissenschaft aus heutiger Perspektive weiterzudenken, so ergeben sich epistemologische und wissenschaftstheoretische Herausforderungen, die im Folgenden näher ausgeführt werden sollen.

In Alexander von Humboldts Wissenschaftskonzept werden die untersuchten Phänomene aus der Perspektivik ihrer Dynamiken, Wege und Verlagerungen fokussiert. Dies gilt ebenso für seine pflanzengeographischen Studien (die stets die ‚Wanderungen‘ der Pflanzen miteinbezogen) wie für seine geologischen und mineralogischen Untersuchungen (die es ihm erlaubten, aufgrund der Heranziehung weltweiter Zusammenhänge Diamanten- und Platinfunde im Ural vorauszusagen), für seine klimatologischen Forschungen (bei denen er zunehmend die vom Menschen ausgelösten Klimaveränderungen miteinbezog) wie auch für die Untersuchungen zur weltweiten Zirkulation von Edelmetallen. Auch auf dem von ihm bearbeiteten weiten Feld kultureller Phänomene standen für ihn Fragen der Wissenszirkulation – etwa mit Blick auf seine Studien zum Kalenderstein der Azteken und der Wissensbewegungen zwischen Asien und Amerika – an oberster Stelle. Wissen selbst ist für Humboldt stets prozesshaft und radikal unabgeschlossen.

So deutet sich bei Alexander von Humboldt bereits eine Wissenschaftskonzeption an, die von der These ausgeht, dass Räume (wie auch Wissensformationen) in grundlegender Weise durch die sie querenden Bewegungen definiert, konfiguriert und herausgebildet werden. Damit wird eine allein an der topographisch-geographischen Dimension ausgerichtete Auffassung von Räumen durch eine dynamische, vektorielle Perspektivierung ersetzt, die mit Blick auf die unterschiedlichsten natur- und kulturwissenschaftlich zu untersuchenden Phänomene ein hochdynamisches Grundkonzept voraussetzt. Dabei ist unter dem Begriff des Vektoriellen oder der vektoriellen Dimension zu verstehen, dass historisch und kulturell gespeicherte Bewegungsmuster wesentlich in ein Verständnis vernetzter Generierungsprozesse von Räumen einbezogen werden müssen. Denn es sind oft die gespeicherten, bestimmte Räume immer wieder in derselben Bewegungsfigur querenden Bewegungen, die zur Kontinuität von Räumen im Sinne ihrer ständigen Rekonfiguration Entscheidendes beitragen.

Innerhalb eines wissenschaftsgeschichtlichen Kontexts impliziert dies, dass die längst in die Krise geratenen Area Studies durch TransArea Studies erweitert, ergänzt und transformiert werden müssen, die sich in erster Linie der Vektorizität von Räumen ebenso auf translokaler, transregionaler und transnationaler wie auf transarealer und transkontinentaler Ebene wissenschaftlich annehmen.57 Nicht die Bestimmung eines Raumes durch dessen (vermeintlich naturgegebene) Territorialität mit ihren jeweils zu untersuchenden Grenzen und Grenzziehungen, sondern die historisch akkumulierten und entfalteten Netzwerke von Bewegungsformen und Bewegungsfiguren sollen als Ausgangspunkt und Grundlage dafür herangezogen werden, eine bestimmte Area vermittels der sie querenden und dadurch mobil konstituierenden Beziehungsgeflechte und Verknüpfungen relational-dynamisch zu begreifen sowie transareal zu analysieren. Dies beinhaltet nicht nur eine kritische Hinterfragung der Macht der Grenzen58 einer bestimmten Area wie etwa Lateinamerika oder die Einbindung dieser Area in übergeordnete – etwa kontinentale oder hemisphärische – Konstruktionen,59 sondern meint den Versuch einer grundlegenden transarealen Neukonzeptionierung eines zuvor vor allem in seiner internen Relationalität verstandenen Raumes.60 Die wechselseitige Verknüpfung unterschiedlicher Areas untereinander erfolgt dabei nicht länger über eine ‚vermittelnde‘ und zumeist zentrierende Rolle Europas; vielmehr stehen gerade Bewegungen im Vordergrund, die durch die bisherige Fokussierung auf Europa oftmals übersehen oder zu ‚Randphänomenen‘ degradiert wurden.

Als besonders prägnantes Beispiel für eine komplex strukturierte Area kann die Karibik gelten, die sich in geradezu paradigmatischer Weise als hochgradig fragmentiertes Geflecht von Insel-Welten und Inselwelten, als multi- und translinguale und zugleich zutiefst transkulturelle Einheit von insulären Teilräumen und diese umgebenden Festlandssäumen im Sinne eines circumkaribischen Raumes abgrenzen lässt.61 Ein transareales Verständnis dieser Area geht wesentlich davon aus, dass sich die Karibik nur begreifen lässt, wenn wir ihre historisch stark wandelbaren Beziehungen insbesondere zum Rest der amerikanischen Hemisphäre, zu verschiedenen Regionen Europas und Afrikas, zur arabischen Welt, zu Indien und zu China dynamisch miteinbeziehen. Dabei stehen die bislang noch immer vorwiegend disziplinär verankerten ‚Aufteilungen‘ der Karibik gemäß ihrer jeweiligen Zugehörigkeit zu europäischen Hegemonialmächten – traditionelle Ansätze, die keineswegs ausgeblendet, wohl aber neu perspektiviert werden müssen – einer relational-dynamischen Raumkonzeption der Karibik im Wege. Diese aber hat naturräumliche Bedingungen ebenso in ihr Konzept miteinzubeziehen wie multi-, inter- und transkulturelle Zusammenhänge innerhalb des dynamischen Rahmens einer Abfolge beschleunigter Globalisierungsprozesse. Auch hier steht das Präfix ‚trans‘ für die Querung von Räumen, Zeiten, Kulturen oder Praktiken.

Für die Systematik von Disziplinen ist in diesem Zusammenhang wichtig, dass ein in dieser Weise fundiertes Verständnis der TransArea Studies nicht länger zwischen einer vermeintlich ‚allgemeinen‘ beziehungsweise ‚systematischen‘ Theoriebildung, die in aller Regel sehr wohl auf der Untersuchung von Phänomenen fußt, welche aus bestimmten privilegierten Teilregionen oder Areas stammen, und Fragestellungen unterscheidet, die aus dem Bereich der ‚generellen‘ Theoriebildung einer Disziplin verbannt und an regionalwissenschaftliche Institutionen oder Teilbereiche delegiert werden. Oft wird die sogenannte ‚Fernkompetenz‘ institutionell so missverstanden, dass darunter all jene Kompetenzen versammelt werden, die fern von den ‚eigentlichen‘ Mittelpunkten und angenommenen ‚Kernen‘ der jeweiligen Fächer liegen. So beruhen – um nur ein Beispiel herauszugreifen – die als wesentlich und grundsätzlich erachteten Ansätze der Literaturtheorie fast durchgängig auf der Kenntnis und der Analyse sehr weniger – und zumeist west- und mitteleuropäischer – Literaturen, während (mit Ausnahme der USA) die literaturtheoretische Produktion anderer Areas nicht in die ‚allgemeine‘ Theoriebildung eingeht. Innerhalb eines globalisierten Theorie- und Forschungshorizontes ist eine derartige – zumeist unreflektiert bleibende – Trennung nicht länger tolerierbar: TransArea Studies hinterfragen daher die vorherrschenden Inklusions- und Exklusionsmechanismen auf wissenschaftstheoretischer Ebene und entwickeln disziplinäre und spatiale Konzepte, die sich weit weniger durch ihre territorialen Grenzziehungen als durch die Erfassung vektorieller Dimensionen – und damit jener Bewegungen, die Räume erst als solche konstituieren – charakterisieren. Es würde nicht schwer fallen zu belegen, dass ein theoretisch fundiertes Verständnis dessen, was eine europäische Literatur ausmacht, jenseits lediglich additiver, einzelne Nationalliteraturen summierender Konzepte ohne einen transarealen Ansatz schlechterdings nicht möglich ist. Stets aber gilt: Der spiritus rector der TransArea Studies ist der spiritus vector.

Paris / Berlin

Das von Alexander von Humboldt über sieben Jahrzehnte lang erarbeitete und ausgestaltete Wissenschaftskonzept war sowohl auf der Gegenstandsebene als auch auf der Analyseebene im oben skizzierten Sinne durchaus transareal strukturiert. Innerhalb der sich herausbildenden Humboldtschen Wissenschaft spielten Reisen – wie wir sahen – von Beginn an eine zentrale Rolle. Insbesondere die Ausdifferenzierung der Feldforschung, die schon im Rahmen der amerikanischen Forschungsreise vom deutsch-französischen Forscherteam Humboldt-Bonpland, aber auch später während der russisch-sibirischen Reise mit Rose und Ehrenberg auf höchst professionelle Weise durchgeführt wurde, spielte in der Praxis der Humboldtian Science eine entscheidende Funktion. Denn Humboldts Forschungsprogramm vor Ort in Amerika oder Asien – und das damit einhergehende Sammeln von Gegenständen, Daten und Informationen – war auf ausgeklügelte Weise mit international renommierten Sammlungen von Artefakten, Belegen und Informationen in Museen, Bibliotheken und Archiven in Frankreich und Preußen wie in Spanien abgestimmt. Die in Übersee erfolgte Arbeit im Feld steckte in fundamentaler Weise das Feld der nachfolgenden Arbeiten in Europa ab.

Die Wissenschaftskonzeption Alexander von Humboldts lässt sich – wie gerade die kritische Überwindung einer enzyklopädisch geprägten und empirisch wenig fundierten Epistemologie des 18. Jahrhunderts belegte – ohne Reisen schlechterdings nicht vorstellen. Dies gilt nicht nur für die großen transkontinentalen Reisen in die amerikanische Hemisphäre und nach Asien, sondern auch für die kleinen und vermeintlich ‚unwichtigeren‘ Reisen, die Humboldt nach Holland und England, Böhmen oder Polen, Österreich oder die Schweiz, Italien oder Spanien führten. Von zentraler Bedeutung aber waren für Humboldt – dies sollte nicht übersehen werden – die beständigen Bewegungen und Reisen zwischen Berlin und Paris, die 1790 mit dem spektakulären Besuch in der revolutionären französischen Hauptstadt begonnen hatten und mit einem letzten, sich zwischen Oktober 1847 und Januar 1848 sich erstreckenden Paris-Aufenthalt im diplomatischen Auftrag des preußischen Königs ihr Ende fanden.

Zweifellos war Paris mit seinen renommierten wissenschaftlichen Institutionen, seinen Archiven, Bibliotheken und Museen, seinen Verlagen und wissenschaftlichen Zirkeln, aber auch mit seinem literarischen und kulturellen Leben sowie mit seinen Salons als großes europäisches Zentrum für Humboldt der ideale Ort, um seine wissenschaftlichen Arbeiten voranzutreiben und jene sich beschleunigende Zirkulation von Wissen zu beobachten, die seine eigenen Arbeiten beflügelte. Zweifellos war die französische Sprache, deren sich Humboldt über Jahrzehnte bevorzugt bediente, ein ideales Werkzeug, um auf einer nicht nur nationalen, sondern auch weit über Europa hinausreichenden internationalen Bühne wahrgenommen werden zu können. Zweifellos gab es in Europa keinen besseren Ort als Paris, um die Vielzahl politischer und gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Revolutionen zu überblicken. Und zweifellos waren die Formen wissenschaftlicher wie allgemeiner Soziabilität, deren sich Humboldt in Paris erfreute, für den Preußen von unschätzbarem Wert mit Blick auf die dynamische Konzeption eines Weltbewusstseins, dessen Komplexität man in Paris sicherlich weitaus direkter und intensiver als in Berlin wahrnehmen konnte.

Und dennoch war die Entwicklung Alexander von Humboldts und seines Lebens-Werkes weniger mit einem bestimmten konkreten Ort als vielmehr mit einer Vektorizität verknüpft, die in all seinen Schriften beispielsweise in den Überlagerungen der unterschiedlichsten Orte und Landschaften zutage tritt. Für Humboldt selbst schien hinter einem Ort immer ein anderer auf, verwies ein Raum immer auf einen anderen. Quer zu den bis heute in ihren Dimensionen wie in ihren Ergebnissen erstaunlichen Reisen Humboldts zeigt sich eine oszillierende Bewegung, die kontinuierlich – über einen Zeitraum von nahezu sechs Jahrzehnten – Berlin und Potsdam mit Paris verband. Die Humboldtsche Wissenschaft bewegt sich nicht nur zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert, zwischen der Alten und der Neuen Welt, zwischen der Epistemologie der Encyclopédie und der Epistemologie Darwins.62 Sie entsteht vor allem auch aus den beständigen Bewegungen zwischen der deutschen und der französischen Sprache, zwischen der deutsch- und der französischsprachigen Wissenschaftslandschaft, zwischen Berlin und Paris.

Die beiden Hauptstädte stehen sich dabei nicht so sehr als Gegensätze gegenüber, die es miteinander zu vergleichen gilt, sondern lassen sich vielmehr als Bezugspunkte einer weitgespannten Relationalität begreifen, insofern beide Städte auch jeweils unterschiedliche Freundeskreise und wissenschaftliche Netzwerke sowie verschiedenartige Lebensstile und Denkstile verkörpern.

Der Name Paris steht nicht nur für eine Humboldt zeit seines Lebens faszinierende Stadt, sondern für ein Kreuzen, für eine bestimmte vektorielle Dimension und Potentialität, die einen Ort wie die französische Hauptstadt auszeichnen. Das Humboldtsche Denken und die Humboldtsche Wissenschaft sind ohne dieses croisement zwischen Berlin und Paris, Paris und Berlin schlechterdings nicht vorstellbar. Es verschaffte Humboldt jene Beweglichkeit und jene Freiheit, welche die Voraussetzungen für seine demokratische, am Erreichen eines möglichst breiten Publikums ausgerichtete Wissenschaft bildeten. Als Humboldt im Jahre 1790 ‚Sand für die Errichtung des Freiheitstempels karrte‘, schuf er folglich die Voraussetzungen für die Freiheit seiner Wissenschaft, seines Denkens, seines eigenen Lebens.

1 Humboldt, Alexander von: Examen critique de l’histoire de la géographie du Nouveau Continent et des progrès de l’astronomie nautique aux quinzième et seizième siècles. 5 Bde. Paris: Librairie de Gide 1836–1839, hier Bd. 3, S. 256f.

2 Ebda., S. 257.

3 Ebda.

4 Ebda.

5 Vgl. hierzu Beck, Hanno: Alexander von Humboldt. 2 Bde. Bd. 1. Wiesbaden: Franz Steiner Verlag 1959, S. 27.

6 Ebda.

7 Humboldt, Alexander von: Mein Lebenslauf 1769–1799. In: Ders.: Aus meinem Leben. Autobiographische Bekenntnisse. Zusammengestellt und erläutert von Kurt-R. Biermann. München: Verlag C. H. Beck 1987, S. 27.

8 Ebda., S. 27f.

9 Ebda., S. 28.

10 Zur spanischen Dimension der Reise Alexander von Humboldts vgl. auch die Dissertation von Rebok, Sandra: Alexander von Humboldt und Spanien im 19. Jahrhundert: Analyse eines wechselseitigen Wahrnehmungsprozesses. Frankfurt am Main: Vervuert Verlag 2006; sowie den zahlreiche wichtige Dokumente versammelnden Band von Puig-Samper Mulero, Miguel Angel / Rebok, Sandra: Sentir y medir. Alexander von Humboldt en España. Prólogo Ottmar Ette. Aranjuez: Ediciones Doce Calles 2007.

11 Humboldt, Alexander von: Mein Lebenslauf. In: Ders.: Aus meinem Leben, a. a. O, S. 29f.

12 Vgl. Biermann, Kurt-R. / Schwarz, Ingo: Warum bezeichnete sich Alexander von Humboldt als ‚der Alte vom Berge‘ (Vecchio della Montagna)? In: Alexander von Humboldt-Stiftung. Mitteilungen, Alexander von Humboldt-Magazin (Bonn) 60 (1992), S. 71–73.

13 Vgl. Ette, Ottmar: Weltbewußtsein. Alexander von Humboldt und das unvollendete Projekt einer anderen Moderne. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2002.

14 Vgl. hierzu ebda., S. 58.

15 Ebda.

16 Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense aus den Jahren 1827 bis 1858. Nebst Auszügen aus Varnhagen’s Tagebüchern und Briefen von Varnhagen und Andern an Humboldt. [Hg. von Ludmilla Assing.] Leipzig: F. A. Brockhaus 1860, S. 341.

17 Humboldt, Alexander von: Brief vom 29. April 1829 an Wilhelm von Humboldt. In: Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm. Hg. von der Familie von Humboldt in Ottmachau. Stuttgart: Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung 1880, S. 170. Vgl. hierzu ausführlich Ette, Ottmar: Amerika in Asien. Alexander von Humboldts Asie centrale und die russisch-sibirische Forschungsreise im transarealen Kontext. In: HiN – Alexander von Humboldt im Netz. Internationale Zeitschrift für Humboldt-Studien. VIII, 14 (2007), S. 17–40. DOI: 10.18443/89, URL: http://dx.doi.org/10.18443/89 (zuletzt geprüft am 10.09.2018).

18 Vgl. hierzu wie auch zur Kritik Humboldts am zaristischen Regime u. a. Suckow, Christian: Alexander von Humboldt und Rußland. In: Ette, Ottmar / Hermanns, Ute / Scherer, Bernd M. / Suckow, Christian (Hg.): Alexander von Humboldt – Aufbruch in die Moderne. Berlin: Akademie Verlag 2001, S. 249.

19 Humboldt, Alexander von: Asie Centrale. Recherches sur les chaînes de montagnes et la climatologie comparée. 3 Bde. Paris: Gide 1843, hier Bd. I, S. viii.

20 Humboldt, Alexander von: Brief vom 29. April 1829 .In: Briefe Alexander’s von Humboldt an seinen Bruder Wilhelm, a. a. O, S. 170.

21 Vgl. hierzu Ette, Ottmar: Amerika in Asien, a. a. O, Kap. 6.

22 Humboldt, Alexander von: Ich über mich selbst (mein Weg zum Naturwissenschaftler und Forschungsreisenden 1769–1790). In: Ders.: Aus meinem Leben, a. a. O, S. 36.

23 Ebda., S. 38.

24 Ebda.

25 Ebda., S. 39.

26 Ebda.

27 Ebda.

28 Ebda., S. 40.

29 Zum generellen Kontext dieser Debatte um die Neue Welt vgl. die längst klassisch gewordene Studie von Gerbi, Antonello: La Disputa del Nuovo Mondo. Storia di una Polemica: 1750–1900. Nuova edizione a cura di Sandro Gerbi. Milano; Napoli: Riccardo Ricciardi Editore 1983.

30 Vgl. hierzu Ette, Ottmar: ‚Kein Werk des Zufalls‘. Zur europäischen Reflexion zweier Phasen beschleunigter Globalisierung bei Cornelius de Pauw, Georg Forster, Guillaume-Thomas Raynal und Alexander von Humboldt. In: Krüger, R. (im Druck).

31 Pauw, Cornelius de: Recherches philosophiques sur les Américains, ou Mémoires intéressants pour servir à l’Histoire de l’Espèce humaine. 2 Bde. Berlin: Chez Georges Jacques Decker, Imp. du Roi 1768–1769, hier Bd. I, S. a2v f. Eine deutsche Ausgabe folgte rasch: Philosophische Untersuchungen über die Amerikaner, oder wichtige Beyträge zur Geschichte des menschlichen Geschlechts. Übersetzt von Carl Gottlieb Lessing. 2 Bde. Berlin: Decker und Winter 1769.

32 Vgl. hierzu Church, Henry Ward: Corneille de Pauw, and the Controversy over his ‚Recherches philosophiques sur les Américains‘. In: PMLA (New York) LI, 1 (March 1936), S. 178–206, hier S. 180f; sowie Beyerhaus, Gisbert: Abbé de Pauw und Friedrich der Große, eine Abrechnung mit Voltaire. In: Historische Zeitschrift (München; Berlin) 134 (1926), S. 465–493.

33 Pauw, Cornelius de: Recherches philosophiques sur les Américains, a. a. O, Bd. II, S. 69.

34 Ebda., Bd. II, S. 68.

35 Pernety, Antoine-Joseph: Journal historique d’un Voyage fait aux îles Malouïnes en 1763 et 1764 pour les reconnoître, & y former un établissement; et de deux Voyages au Détroit de Magellan avec une Relation sur les Patagons. 2 Bde. Berlin: E. de Bourdeaux 1769.

36 Pernety, Antoine-Joseph: Dissertation sur l’Amérique et les Naturels de cette partie du monde. In: Mr. de P*** [Pauw, Cornelius de]: Recherches philosophiques sur les Américains ou Mémoires intéressants pour servir à l’Histoire de l’Espèce Humaine. Avec une Dissertation sur l’Amérique & les Américains, par Dom Pernety. Et la Défense de l’Auteur des Recherches contre cette Dissertation. Berlin: Chez Georges Jacques Decker, Imp. du Roi 1770, S. 7.

37 Ebda., S. 14.

38 Ebda.

39 Ebda., S. 15.

40 Mannucci, Erica Joy: The savage and the civilised: observations on a dispute between an enlightened writer and an illuminist. In: Studies on Voltaire and the Eighteenth Century (Oxford) 303 (1992), S. 384. Zu diesen Elementen zählen „the critique of Eurocentrism; the importance of gathering data in the field and verifying sources; the recognition of the cultural diversity of the Other“ (ebda.).

41 Vgl. Pauw, Cornelius de: Amérique. In: Supplément à L’Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers. Par une Société de Gens de Lettres. Mis en ordre et publié par M***. Tome premier. Amsterdam: Chez M. M. Rey, libraire 1776, S. 343–363.

42 Ebda., S. 35.

43 Vgl. Pernety, Antoine-Joseph: Examen des recherches philosophiques sur l’Amérique et les Américains, et de la Défense de cet ouvrage. Berlin: Decker 1771.

44 Vgl. Carpentier, Alejo: La ciudad de las columnas. La Habana: Editorial Letras Cubanas 1982.

45 Humboldt, Alexander von: Relation historique du Voyage aux Régions équinoxiales du Nouveau Continent […]. Nachdruck des 1814–1825 in Paris erschienenen vollständigen Originals, besorgt, eingeleitet und um ein Register vermehrt von Hanno Beck. Bd. III. Stuttgart: Brockhaus 1970, S. 348.

46 Vgl. hierzu Ette, Ottmar: Eine ‚Gemütsverfassung moralischer Unruhe‘ – ‚Humboldtian Writing‘: Alexander von Humboldt und das Schreiben in der Moderne. In: Ette, Ottmar / Hermanns, Ute / Scherer, Bernd M. / Suckow, Christian (Hg.): Alexander von Humboldt – Aufbruch in die Moderne. a. a. O., S. 33–55.

47 Zur epistemologischen Bedeutung des Fraktals für die Literaturwissenschaft vgl. Ette, Ottmar: WeltFraktale. Wege durch die Literaturen der Welt. Stuttgart: J. B. Metzler Verlag 2017.

48 Humboldt, Alexander von: Relation historique, a. a. O, Bd. III, S. 350.

49 Humboldt, Alexander von: Ich über mich selbst, a. a. O, S. 36.

50 Humboldt, Alexander von: Reise auf dem Río Magdalena, durch die Anden und Mexico. Teil I: Texte. Aus seinen Reisetagebüchern zusammengestellt und erläutert durch Margot Faak. Mit einer einleitenden Studie von Kurt-R. Biermann. Berlin: Akademie Verlag 1986, S. 358.

51 Zu den Dimensionen des Lebenswissens in Humboldts Amerikanischen Reisetagebüchern vgl. die Ausgabe von Humboldt, Alexander von: Das Buch der Begegnungen. Menschen – Kulturen – Geschichten aus den Amerikanischen Reisetagebüchern. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und kommentiert von Ottmar Ette. Mit Originalzeichnungen Humboldts sowie historischen Landkarten und Zeittafeln. München: Manesse Verlag 2018.

52 Humboldt, Alexander von: Relation historique, a. a. O, Bd. III, S. 389.

53 Vgl. Koselleck, Reinhart: Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte. In: Ders.: Vergangene Zukunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 21984, S. 38–66.

54 Forster, Georg: Die Nordwestküste von Amerika, und der dortige Pelzhandel. In: Ders.: Werke. Sämtliche Schriften, Tagebücher, Briefe. Bd. V: Kleine Schriften zur Völker- und Länderkunde. Herausgegeben von Horst Fiedler, Klaus-Georg Popp, Annerose Schneider und Christian Suckow. Berlin: Akademie Verlag 1985, S. 395.

55 Humboldt, Alexander von: Vues des Cordillères et Monumens des Peuples Indigènes de l’Amérique. Nanterre: Editions Erasme 1989, S. IIf.

56 Ebda., S. II.

57 Vgl. hierzu ausführlich Ette, Ottmar: TransArea. Eine literarische Globalisierungsgeschichte. Berlin; Boston: Walter de Gruyter 2012; sowie Ders.: Writing-Between-Worlds. TransArea Studies and the Literatures-without-a-fixed-Abode. Translated by Vera M. Kutzinski. Berlin; Boston: Walter de Gruyter 2016.

58 Vgl. Braig, Marianne / Ette, Ottmar / Ingenschay, Dieter / Maihold, Günther (Hg.): Grenzen der Macht – Macht der Grenzen. Lateinamerika im globalen Kontext. Frankfurt am Main: Vervuert Verlag 2005.

59 Vgl. Birle, Peter / Braig, Marianne / Ette, Ottmar / Ingenschay, Dieter (Hg.): Hemisphärische Konstruktionen der Amerikas. Frankfurt am Main: Vervuert Verlag 2006.

60 Vgl. Ette, Ottmar / Pannewick, Friederike (Hg.): ArabAmericas. Literary Entanglements of the American Hemisphere and the Arab World. Frankfurt am Main / Madrid: Vervuert Verlag / Iberoamericana 2006.

61 Vgl. Ette, Ottmar (Hg.): Caribbean(s) on the Move – Archipiélagos literarios del Caribe. A TransArea Symposium. Frankfurt am Main; New York; Oxford: Peter Lang Verlag 2008.

62 Vgl. Gould, Stephen Jay: Church, Humboldt, and Darwin: The Tension and Harmony of Art and Science, in: Franklin Kelly et al. (Hg.), Frederic Edwin Church, Washington D. C.: Nationaly Gallery of Art and the Smithsonian Institution Press 1989, S. 94–107.



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